Es geht um die Idee der Anerkennung. Hamas und Hisbollah erkennen das Existenzrecht des Staates Israel ebenso wenig an wie Netanjahu einen palästinensischen Staat oder Putin die Ukraine als unabhängige Nation. Wagen wir es doch einmal, den zugrundeliegenden Gedanken der Radikalen, ob Hamas oder die radikalen Siedler, ohne Tabu auszusprechen. Er besagt: „Wenn es dich nicht mehr gibt, wenn du als Staat, als Volk tot bist, ausgelöscht, oder zumindest für immer vertrieben, dann sind alle unsere Probleme aus der Welt.“ Was hätte Hegel zu den neuen Kriegen des beginnenden 21. Jahrhunderts gesagt?

Die FU Berlin schreibt zu Hegel: ‚Dina Emundts und Georg Bertram arbeiten seit vielen Jahren intensiv zu Hegel (…) Der nur scheinbar triviale Begriff der Anerkennung, sagt Bertram, setze ein souveränes Subjekt voraus, das entscheiden könne, wen es als seinesgleichen anerkenne oder nicht. Hegel drehe den Spieß um. „Er sagt, dass wir überhaupt nur jemandem Anerkennung zu spenden vermögen, weil wir von anderen anerkannt werden.“ Sozialität ergebe sich immer aus einem wechselseitigen Abhängikeitsverhältnis. Anders als in der Philosophie zuvor oft geschehen, sträube sich Hegel nicht gegen dieses Abhängigkeitsverhältnis.‘

Anders als in individuellen Konflikten bleiben Staaten immer voneinander abhängig, ob sie es wollen und zugeben oder nicht. Jeder zugefügte Schmerz, jede Demütigung, jedes zugefügte Trauma verschärft die desintegrativen, zerstörerischen Momente gegenseitiger Abhängigkeit.

Und weiter: „Hegel sagt nicht, wir müssten uns durch einen radikalen Schritt aus Abhängigkeitsverhältnissen lösen“, sagt Bertram, „sondern in ein bestimmtes Verhältnis zu diesen Abhängigkeiten setzen, was so etwas wie Selbstständigkeit ermöglicht.“ Hegel denke Gesellschaft auf diese Weise immer aus Konflikten heraus. „Er ist gerade kein Denker der Einheit, wenn man Einheit als Homogenität versteht“, sagt Georg Bertram. „Homogene Gesellschaften waren für ihn immer zum Scheitern verurteilt.“

In unserem Fall heißt das: Kollektive wie die Hamas phantasieren von einer homogenen muslimischen Welt ohne Israel, genauso wie Putin von einer homogenen eurasischen Welt ohne Ukrainer:innen träumt. Das sind eindeutig faschistoide Vorstellungen, insofern sie Völkermord zur Staatsräson erheben -Eva von Redecker sei für den Begriff des russischen Z-Faschismus gedankt. Ich möchte an dieser Stelle nicht die schrecklichen Gräueltaten der Hamas und die menschenverachtende Bombardierung von Gaza illustrieren.

Was sind die Aussichten? Wann wird es Frieden geben? könnte man fragen. Es wird keinen Frieden geben, solange staatliche Akteure das Existenzrecht anderer Völker nicht anerkennen – solange sie sich nicht gegenseitig (!) anerkennen. Der permanente Krieg, der bellum omnium contra omnes (Hobbes) wird in diesen Tagen zum ‘new normal’. Solange Empathie nur selektiv stattfindet, sind die Aussichten, den Kriegszustand in einen Rechtszustand zu überführen, leider gering.

Quelle: https://lnkd.in/dEhPh2TW

Photo: AP


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