Digitale Welt. Sie hätte eine gute Freundin werden können. Als wir 2021 das letzte Mal miteinander sprachen, war meine Nachbarin bereits tief in Verschwörungstheorien versunken. Eigentlich war sie eine intelligente Frau, studierte Biologin. Eine charmante Gastgeberin. Die Covid-Zeit war eine mentale Achterbahnfahrt. Meine Friseurin erzählte mir, wie sie ihren Bruder an QAnon verloren hatte und sich schließlich auch seine Freundin von ihm trennte.

Soziale Medien. Telegram, dann X.

Eine ehemalige Studienkollegin und gute Freundin verlor so ihren Mann, der im Zuge seiner Radikalisierung nach Thüringen in die rechte Szene zog. Als emanzipierte und politisch aufgeweckte Frau tat ihr das besonders weh. Solche Geschichten kennen viele von uns.

Jetzt kommt KI. KI Girlfriends. KI ‘Freunde’ für Kinder. KI versteht dich besser als du dich selbst. Anthropomorphismus aus der Mimikri.

Nachdem soziale Netzwerke uns mit Wut, Empörung, moralischer Überlegenheit und aggressivem Identitäts- und Stammesdenken aufgepumpt haben, kompensieren KI-Artificial Companions die durch die sozialen Medien ausgestoßenen Menschen für uns. Sie tun dies auf der Basis einer quasi-sozialen Proxybeziehung, die Charakteristika wie Ähnlichkeit, reziproke Sympathie und Bedürfnisbefriedigung, persönliche Erregung – bei gleichzeitiger Isolation von anderen (Levy, 2010) – algorithmisch simuliert und inszeniert.

Wir beginnen, in einem Film zu leben, der speziell für uns inszeniert wurde. Von einer ‚gespaltenen‘ oder ‚polarisierten‘ Gesellschaft zu sprechen, ist schon lange nicht mehr zutreffend. Auf der nächsten Ebene, die wir betreten, hört die Gesellschaft als Ganzes auf zu existieren. Plötzlich haben die Menschen, die neben uns stehen, nichts mehr mit uns gemeinsam: Wahrnehmungen, Einstellungen, Werte, Weltbilder und Konzepte, Sprachgebrauch: Jede(r) lebt endlich auf dem eigenen Mond. My identity.

In der Folge brauchen wir die anderen nur noch insoweit, als sie uns helfen, uns in Szene zu setzen. Danach können wir sie im Lichte der neuen Unverbindlichkeit ghosten. Es sei denn, wir hören endlich mit dem Algorithmus-Pleasing auf und bestehen darauf, dass wir es sind, die soziale Beziehungen gestalten.

Leichter gesagt als getan.

Zum Glück gibt es Supermärkte. Auf dem Warenband, auf dem ich höflich das Kundendifferenzierungsmodul für die nächsten Kunden ablege, analysiere ich die Einkäufe der anderen, gleiche sie wie eine Detektivin mit der Person ab und verfasse höchst unterhaltsame innere Kommentare über das Leben der Anderen. Mein Supermarkt Kibbitz: Der letzte soziale Raum, in dem sich unsere Identität als Person wie als Konsument offen manifestiert. Fast vereint, vor der Kasse als Jüngstes Gericht, in einer Welt.

Referenz: Levy, David, »Falling in love with a Companion«, in: Yorick Wilks (Hg.), Close engagements with artificial companions. Key social, psychological, ethical and design issues, Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins 2010, S. 89–93.)

Photos: Autorin


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