Der Tübinger Archäologe Claudio Tennie ist mit seinen Kollegen William Snyder und Jonathan Reeves der Frage nachgegangen, wann unser Menschsein begann und wo der Ursprung menschlichen Lernens liegt. Ein zentraler Begriff ist dabei der des latenten Lernens.
Latentes Lernen bezeichnet alles Lernen über Dinge, die wir früher oder später selbst herausfinden können. Wir erkennen Vygotskys angrenzendes Konzept der ‚Zone of Proximal Development‘, die die Grenze zwischen dem, was wir ohne Hilfe oder nur mit Hilfe anderer erreichen können, bezeichnet.
Auf der einfachsten Ebene, z.B. bei Menschenaffen, ist nach Tennie das „Know-where“, „Know-when“ und „Know-who“ entscheidend. Was Menschenaffen nicht können, ist Know-how, d.h. neue Methoden zu entwickeln und diese weiterzugeben, aus dem Kreislauf des latenten Lernens auszubrechen.
Wenn wir z.B. die moderne Arbeitswelt algorithmisieren, schaffen wir die Notwendigkeit ab, in größeren Zusammenhängen zu fühlen, zu denken und zu handeln. Prozesse werden in kleinste semantische Einheiten zerlegt. Im Gegenzug sehnen sich viele Menschen nach ganzheitlichen, sinnstiftenden Lebenserfahrungen.
Auf der organisationalen Ebene führt dies zur Abschaffung der Facharbeit, da wir im Grunde nur noch Menschen brauchen, die eine Organisation programmieren können, und solche, die im Niedriglohnsektor all die Arbeiten erledigen, die aus Datenmangel oder Kostengründen noch nicht von Robotern erledigt werden können. Auf den Fachkräftemangel mit Automatisierung und Rationalisierung zu reagieren, führt insoweit in eine Negativspirale, die das Gesuchte entwertet. Die Zerstückelung längerer Lernphasen in personalisierte Nuggets führt zu einem Rückzug in das latente Lernen.
Soziales Lernen hat neben der Erfindung von Methoden einen weiteren Effekt: Methoden akkumulieren sich in einer Organisation. Tennie et al. sprechen von kumulativer Kultur. Eine Organisation, die reich an sozial-basierten Problemlösungs- und Gestaltungsmethoden ist, kann Know-how und Do-How entwickeln, um sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen, vorausschauend zu planen und erwünschte Zukünfte zu realisieren.
Hier kommen wir zum zweiten Problem: Wir fühlen und denken ‘lernend’ ohne Feedbackschleifen in unsere Praxis einzubauen. Das ist m.E. der große Wurf von Dianna Laurillard im ‚Conversational Framework‘: Formalisiertes, methodisches Lernen unterscheidet sich vom informellen Lernen darin, wie wir mit neuen Konzepten bzw. mentalen Modellen unsere Praxis updaten und weiterentwickeln. Viele Fortbildungen erreichen daher keine oder nur eine geringe nachhaltige Wirkung: Ein motivationaler Impuls verpufft schnell und niemand erinnert sich an die Klebezettel von gestern.
Das erinnernde Selbst basiert nicht nur auf Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, sondern ebenfalls auf Erfahrungen der sozialen und organisationalen Wirksamkeit – jenseits der Zone latenten Lernens.
Referenz: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/mensch-anfaenge-kultur-e736425/
Bild: KI-Prompt und digitale Nachbearbeitung der Autorin
