Kapitel1: Solidarität
Mittlerweile haben wohl viele von uns ihr Handy gecheckt, um zu recherchieren, was es mit dem 1. Mai auf sich hat. Dabei haben wir spannende Tatsachen in Erinnerung gerufen, zum Beispiel, dass die Work-Life-Balance auf den walisischen Unternehmer und Sozialreformer Robert Owen zurückgeht. Er konzipierte 1830 den 8-Stunden-Tag: 8 Stunden für Arbeit, 8 Stunden für Schlaf und 8 Stunden für Freizeit und Familie. Oder dass Menschen während der zweiten industriellen Revolution in Fabriken ununterbrochen zwischen 12 und bis zu 16 Stunden schufteten, weil es die Glühbirne gab. Plötzlich war der Mensch nicht mehr an die natürlichen Rhythmen gebunden, im Winter wenig und im Sommer viel zu arbeiten. Die internationale Arbeiterbewegung zeichnete sich dabei durch ein überwältigendes Merkmal aus: die Solidarität.
Kapitel 2: Selektive Empathie
Solidarität ist das Gegenteil von dem, was wir alltäglich in den Medien erleben: selektive Empathie. Selektive Empathie bedeutet, dass Menschen ihre Eigengruppe unterstützen und unfähig bzw. unwillig sind, die Perspektive der anderen Seite zu verstehen. So ist es beispielsweise kaum möglich, die faschistische Hamas genauso zu verurteilen wie den Völkermord Netanjahus in Gaza. Oder in Amerika die Rechte von Minderheiten zu verteidigen, ohne als sozialistische Woke-Terroristin abgestempelt zu werden.
Kapitel 3: Sadopopulismus, Trans-, Frauen- und Kinderrechte
Tatsächlich hat unsere Zeit eine neue Stufe der Unmenschlichkeit erreicht, die Timothy Snyder als „Sadopopulismus” bezeichnet: „Man verspricht (…) nicht mehr, dass die Regierung allen helfen wird. Was sie sagen, ist, dass die Regierung im Grunde allen schadet, aber einigen mehr als anderen. Und sie bietet die Möglichkeit, zum inneren Kreis zu gehören. Sie bietet ihnen die Möglichkeit, den Schmerz anderer als Voyeur zu erleben.“ Der Schmerz anderer wird nicht mehr geleugnet, er wird gefeiert.
Als neulich in England Transfrauen das Label „Frau“ (woman) abgesprochen wurde, feierte J. K. Rowling, eine der Anführerinnen der Anti-Trans-Bewegung, das Urteil mit einem Bild auf „X“, auf dem sie genüsslich an einer Zigarre auf einer Yacht sitzt und kommentiert: „I love it when a plan comes together.“ So sieht die neue, öffentlich zelebrierte Gehässigkeit aus. Der Schmerz der anderen wird mit dem eigenen Triumph gleichgesetzt. Glücklicherweise gibt es aber auch Solidaritätsbekundungen von cis-Frauen für trans-Frauen. https://www.theguardian.com/world/2025/apr/30/more-than-400-actors-and-film-industry-professionals-sign-open-letter-supporting-trans-rights?CMP=Share_AndroidApp_Other
Wir leben in zunehmend polarisierten und zutiefst verhärteten Gesellschaften. Radikalisierte Randgruppen befeuern diese Entwicklung: Auf der einen Seite stehen sogenannte TERFs (transausschließende radikale Feminist*innen), auf der anderen Seite laissez-faire Gruppen, die behaupten, dass Selbstbestimmung keinerlei Verantwortung und Respekt gegenüber anderen involviert. Frauen sollen gefälligst in ihren Safe Spaces selbsternannte Transpersonen mit Penis akzeptieren. Kaum zu glauben, aber wahr.
Auch wenn ‘genuine’ transidente Frauen im Alltag sehr gut mit cis-Frauen zurechtkommen, erzeugen Randgruppen übelste aggressive Sentimente und Stimmungen. Die Verlierer sind alle moderaten, sozial angepassten, inklusiven und freundlichen Menschen, ob Mann, Frau oder „alle dazwischen und außerhalb“ (Böhmermann). Einen großen gesellschaftlichen Konsens wird es in zutiefst mediatisierten Gesellschaften, in denen jeder Stamm, jeder „digital Tribe“, seine ureigenen Wahrheiten postuliert, nicht mehr geben. Gewinner sind Rechtspopulisten, die Ängste befeuern, Rationalität spielt dabei keine Rolle, und subjektive Befindlichkeiten vermeintlicher kultureller Bedrohungen werden verstärkt, sei es in der Frauenfrage oder den ins Wohnzimmer strömenden Weltpolitik- oder Migrationsfragen.
Ein weiteres signifikantes Beispiel für die Erosion sozialer Beziehungen im öffentlichen Diskurs war für mich die Unterwanderung der Mütterrechte im Sorgerecht durch rechte Netzwerke (https://www.deutschlandfunk.de/sorgerechtsstreit-entscheidung-gegen-mutter-pas-vaeterrechtler-100.html). Den sehr gut-recherchierten Podcast des DLF kann ich nur empfehlen. Der US-Psychologe Richard A. Gardner, der Pädophilie in seinen Äußerungen sogar gutheißte, gilt als Erfinder des PAS (Parental Alienation Syndrome). Seine fachwissenschaftlich-verworfene Pseudotheorie wird in deutschen Familiengerichten noch immer dazu verwendet, um Müttern das Sorgerecht abzuerkennen, selbst wenn der Vater als gewalttätig identifiziert wurde. Das wiegt umso schwerer, als es sexuellen Missbrauch von Kindern miteinschließt. Wir erkennen, wie eng Kinder-, Frauen- und Mütterrechte miteinander verwoben sind.
Schlussfolgerungen
Welche Rückschlüsse können wir aus dieser Gemengelage ziehen? Eine Gemeinsamkeit von Trans- und Frauenfeindlichkeit liegt in der patriarchalen Auslegung rechtpopulistischer und rechtsradikaler Ideologien. Frauen sollen sich, in einer zutiefst geschichtsrevisionistischen Agenda, „wieder“ den Männern unterordnen. Tun sie das nicht, verlieren sie das Sorgerecht für ihre Kinder. Transidente Menschen, speziell MTF (male-to-female), gelten als Verrat am Patriarchat: Biologische Männer wagen es, hinter die Feindeslinie zu desertieren, und identifizieren sich mit dem „schwachen Geschlecht“. Ideen von Diversität, Gleichheit und Inklusion sind dem Patriarchat daher ein Dorn im Auge, denn sie untergraben dessen Vorherrschaft und Privilegien. Frauen und Kinder sollen sich dem Gwaltmonopol des Mannes beugen. Transidente Menschen sollen erst gar nicht existieren: No place to hide, no place to run.
Insoweit kommen den Ultrakonservativen radikalisierte Randgruppen mit bizarren Pseudo-Trans Forderungskatalogen gelegen: Sollen sich die „Woken“ doch selbst zerlegen. Je mehr Dissens, desto mehr werden sich Menschen, die im Alltag kaum oder gar nicht mit Minderheiten in Berührung kommen, von eben diesen abwenden.
Gerade deshalb ist Solidarität über Grenzen hinweg so wichtig. Neben einer Work-Life-Balance brauchen wir dringend eine Perspektiven-Begegnungs-Balance. In diesem solidarischen Sinne wünsche ich euch einen schönen 1. Mai.