Geld, aber weder Plan noch Effekt: Das Scheitern des Digitalpakts


Von den 5 Milliarden Euro der Gesamtsumme des am 17. Mai 2019 in Kraft getretenen Digitalpakts wurden bis Ende Juni 2020 nur 15,7 Millionen der Mittel abgerufen. Selbst das führende Bundesland Baden-Württemberg hatte bis Oktober 2020 lediglich 0,6 % aller Mittel beantragt. Rechnerisch hätten die rund 40.000 Schulen in Deutschland durchschnittlich 120.000 Euro zur Verfügung um ihre Digitalisierung voranzubringen. Die meisten Gelder konnten jedoch nicht abgerufen werden, da vielen Schulen Medienkonzepte fehlten und immer noch fehlen, eine Grundvoraussetzung dafür, um Mittel beantragen zu dürfen.

Momentan befindet sich Deutschland in einem wilden Aktionismus. Es gibt hunderte von ad hoc Digitalisierungsinitiativen, von öffentlicher Seite wie von der Wirtschaft, während sich viele Schulen in Grabenkämpfen verausgaben, etwa zum Thema Datenschutz oder zu den bestgeeignetsten Lernplattformen. Nichtsdestotrotz hat nur knapp ein Drittel aller deutschen Schulen, gemäß der ICILS Studie, ein WLAN und leistungsfähige Server, eine conditio sine qua non um überhaupt digitalen Unterricht zu entwickeln. Die Lage kann daher mit guten Gründen als desaströs bezeichnet werden. Der wehmütige Verweis auf Länder wie Dänemark und Singapur mit nahezu 100% digitaler Abdeckung gehört in jede berechtigte Kritik zum deutschen Dilemma zwischen Bund und Ländern. Dazu gehören nicht nur Investition in Technik und die Ausbildung von Lehramtsstudierenden, sondern ebenso die nachhaltige Professionalisierung bestehender Lehrkräfte. Doch worin besteht die tiefere, kulturelle Verunsicherung? Warum schlagen wir als digitale Bildungsexpertinnen und Experten Alarm?

Holen wir weiter aus. Unser globalisiertes Zeitalter, das Anthropozän, unterscheidet sich grundlegend von früheren Epochen. Dies hat Konsequenzen zum Verständnis der Digitalisierung.

This is the End of the World as We Know It: Digitalisierung ohne Grenzen


Während der ersten drei industriellen Revolutionen konnte sich Bildung noch damit begnügen, jungen Menschen eine Grundbildung mitzugeben die es ihnen ermöglichte in die Berufswelt einzusteigen. Zu einer Zeit, in der Kulturen eine vergleichsweise geringere Komplexität aufwiesen, genügten Instruktionen und Regeln um Lernende in eine weitgehend durch Tradition geleitete Gesellschaft einzuführen. Mit wachsender Komplexität versagten diese pädagogischen Ansätze. Es waren Bildungsreformer wie John Dewey, Maria Montessori, Albert Bandura oder, in neuerer Zeit, Sir Ken Robinson (u.v.a.m.) die ein aktives, selbstgesteuertes und kreatives Lernen als Grundvoraussetzung freier Lebensentwürfe in modernen demokratischen Gesellschaften herausstellten. Diese pädagogischen Reformen sind, trotz ihrer Popularität, in den meisten Schulen und Hochschulen bis heute nicht oder nur ansatzweise angekommen. Und schon klopft die nächste historische Herausforderung an die Tür.

In der vierten industriellen Revolution verlagert sich die wissenschaftliche wie wirtschaftliche Replikation der Gesellschaft zunehmend auf eine digitale Grundlage. Es ist daher nicht mehr zeitgemäß den Bildungsbereich (als eine notwendige politisch-ökonomische Gelingensbedingung einer demokratischen Gesellschaft) so stiefmütterlich zu behandeln, wie dies derzeit der Fall ist. Was ich als Digitalexpertin im Folgenden konstatiere, mag vielen Politikern nicht gefallen. Beginnen wir mit dem Faktum, dass die ‚Kultur der Digitalität‘ (Stalder) die Etablierung interdisziplinärer Expertinnen und Experten erfordert.

Es entstehen neue Berufsbilder in der digitalen Bildung und damit der Bedarf an Medienexpertinnen und Experten an Schulen und Hochschulen.

Zunächst müssen im Bildungsbereich, abgesehen von den bereits fehlenden Lehrerinnen und Lehrern (davon, laut Bertelsmann Studie, allein 26,000 Grundschullehrerinnen und Lehrer) zusätzliche Arbeitsplätze in der Bildung geschaffen werden. Schulen benötigen Medienpädagoginnen und Medienpädagogen, Systemadministratorinnen und Administratoren, Medienmanager, Medientrainer sowie Unterrichtsgestalterinnen und Gestalter für den hybriden Unterricht. Digitale Kompetenzen müssen nicht nur für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern eingefordert werden. Es entstehen neue Berufsbilder in der digitalen Bildung und damit ein großer Bedarf an Medienexpertinnen und Experten an Schulen und Hochschulen.

Selbst für cloudbasierte Lösungen suchen Benutzer persönliche Ansprechpartner und Servicepersonal. Komplexe LMS, auch die allerbesten, sind keine Selbstläufer.

Es ist eine Illusion der Kultusministerkonferenz, dass Lehrkräfte gleichzeitig ‚Medienexperten‘ werden sollten, wie die KMK es in der Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘ formuliert hatte. Hierzu hat keine Lehrerin und kein Lehrer in Deutschland die Zeit und Muße, abgesehen von fehlender professioneller Unterstützung. Die Schulen sind de facto, durch Unterbesetzung und eine erdrückende Arbeitslast hoffnungslos überstrapaziert. Es bedarf mehr als die Entwicklung von Digitalstrategien, wie wir sie in unserem Modul PB-380 exemplarisch entwickeln. Schulen brauchen zur Umsetzung digitaler Ambitionen qualifiziertes Personal. Doch woher nehmen und nicht stehlen?

Quo vadis, Deutschland?


Es ist aus internationaler Sicht nicht nachvollziehbar, dass ein entwickeltes Industrieland wie Deutschland 40 Milliarden Euro in den Braunkohleausstieg investiert, an dem 20.000 auslaufende Arbeitsplätze hängen, und nur fünf Milliarden für die Digitalisierung in Form des Digitalpakts bereitgestellt wurden, der (I) erstens nicht effektiv umgesetzt wird und (II) zweitens, in der Konsequenz inadäquater Planung zu scheitern droht. Würde die Politik die Kosten für alle ausstehenden WLAN-Anbindungen, Lernplattformen, professionelle Apps, diesbezügliche Lizenzgebühren, die nachhaltige Erneuerung von Hardware und vor allem neues Personal in die Rechnung mit einbeziehen, würde eine vielfache Summe des Digitalpakts zustande kommen.

Die Erzählung, die man lieber hört ist, dass man alles kostenlos bekommt. Dazu gehören Open Source Software ebenso wie die digitale Professionalisierung von Lehrkräften. Gemäß der KMK gehören neue Medienkompetenzen ohnehin zu ihrer Jobbeschreibung. Solange niemand die Büchse der Pandora aufmacht, d.h. thematisiert, was eine Digitalisierung des Bildungsbereich tatsächlich kosten würde, kann man ad hoc Initiativen vor sich dahinplätschern lassen. Man tut so, als ergäbe sich Fortschritt ganz nebenbei, zum Nulltarif.

Die Erzählung, die man lieber hört ist, dass man alles kostenlos bekommt (…) Man tut gerade so, als ergäbe sich Fortschritt ganz nebenbei, zum Nulltarif.

Eine weitere unbequeme Wahrheit liegt in der Frage begraben, wie viel von den (tausenden?) Webinaren, digitalen Barcamps, vom Bund geforderten Drittmittelprojekten oder privaten Initiativen tatsächlich zu einer Änderung der Praxis an Schulen und Universitäten geführt hat. Ich meine damit Praxis in doppeltem Sinne: zum einen die evidenzbasierte Entwicklung einer besseren pädagogischen Praxis (Best Practices) sowie zum anderen öffentlich publizierte und verbindliche (Milestones orientierte) Digitalisierungsstrategien, die sich nach besten Praktiken ausrichten.

Wie eingangs erwähnt, gilt es zwei verpasste Revolutionen nachzuholen: erstens, die Lernerzentrierung von Bildungseinrichtungen (weitergehend deren Lernkultur) sowie zweitens, die umfassende Digitalisierung im Rahmen der Entwicklung einer offenen und gerechten Gesellschaft. Der Unmut und die Frustration über die Unfähigkeit der Politik Digitalisierung umzusetzen wuchs besonders während der COVID Krise – insbesondere in Bezug auf die Folgekosten ausbleibenden Lernens oder die Benachteiligung sozial schwacher Schülerinnen und Schüler (ifo Studie, 2020).

Die gegenwärtigen Erfahrungen in dem Professionalisierungsprogramm der Medienfaktur beweisen, dass der Brückenschlag zwischen einem wissenschaftlichen Anspruch in der Qualitätsentwicklung und der Umsetzbarkeit in die Praxis gelingen kann. Umsetzung gelingt aber nur, wenn Schulleitungen und Lehrkräfte prozedural in zusammenhängende Transformationsprozesse eingebunden werden, wenn ihnen begleitend Ansprechpartner zur Verfügung stehen und in situ eingebundene Konzepte formuliert werden können. Dies sind hohe Ansprüche, die intensives Engagement erfordern. Innovation gelingt nur in der Einbeziehung aller sozialen Akteure in eine transparente, zukunftsgerichtete und partizipative Gestaltung, also der organisatorischen Abstimmung von top-down mit bottom-up Prozessen auf gleicher Augenhöhe.

Folie aus meiner Impuls-Präsentation im Social Innovation Camp der Jade Hochschule, November 2020: In Singapur wurde beispielsweise der ‘People Developer Standard’ eingeführt um Institutionen auszuzeichnen, die in nachhaltige Professionalisierung investieren. Menschen werden nicht allein gelassen (Symbolbild Credit: Unsplash).

Unsere Zukunft ist, wie David Price treffend in seinem Buch ‚Open‘ in all seinen Facetten beschrieb, durch Offenheit bestimmt. Ob wir in der Zukunft autonom arbeiten, in Teams (oder beides) bestimmen heute noch undefinierte Prozesse, die uns Agilität und hohe Flexibilität abverlangen werden. Kaum ein Prozess wird nicht digital vernetzt sein. Prozessstrukturen in der Bildung, der Wissenschaft und Wirtschaft gleichen sich an: eine Peer Review eines Projektes von Studierenden wird ebenso selbstverständlich wie eine Peer Review einer Studie in einem angesehenen akademischen Journal. Teamwork in der Wirtschaft wird ebenso selbstverständlich wie die Teamarbeit an einem komplexen Schulprojekt. Traditionelle Schulsettings in der Form des Frontalunterricht sind dagegen schon seit Jahrzehnten obsolet.

Alle Lehrer, die von einem YouTube-Video ersetzt werden können, sollten es auch.‘ David Price

Leben in der veränderten Welt


Bildungspolitiker zitieren gern, um den Anschein von Planbarkeit mit veralteten Methoden aufrecht zu erhalten, pseudowissenschaftliche Studien wie die von John Hattie (‚Visible Learning‘) und tun so, als sei Bildung ein formal beschreibbares und abschließbares Gebilde, dass sich, wie in der Physik, in Effektstärken ausdrücken ließe. Die Vorstellung, dass Bildung in einem Abhaken von Kompetenzlisten besteht, dass man das dreigliedrige Schulsystem ohne eine Verschärfung sozialer Ungleichheit in digitalen Zeiten beibehalten könne, dass die Politik der Kultusministerkonferenz des kleinsten gemeinsamen Nenners tatsächlich zu Fortschritten führt, dass das deutsche Mindset des ‚darf nicht, kann nicht, soll nicht‘ im 21. Jahrhundert noch die geringste Überlebenschance hätte – all diese bequemen Annahmen entpuppen sich in der digitalen Transformation als nicht haltbar.

Dies liegt vor allem daran, dass Digitalität in der Vernetzung von Menschen besteht, in der Infragestellung vertikaler Hierarchien, der Einforderung von Partizipationsmöglichkeiten und Gleichberechtigung. Uns interessiert nicht so sehr wie Schülerinnen und Schüler benotet wurden (ihr ‘academic achievement’), sondern ob sie als solidarische Lerngemeinschaft gemeinsam Grundkompetenzen erworben haben, ob Lernende diese Kompetenzen in anderen Kontexten anwenden können (Transferkompetenz), ob Lernprozesse Freude gemacht haben, zur Persönlichkeitsentwicklung und Entwicklung ihrer Gemeinschaft beigetragen haben oder ob das Lernen als relevant und bedeutsam erfahren wurde.

Auf kultureller Ebene hat die Gestaltung verschiedenster digitaler Sozialräume längst begonnen. Daher hatten wir in der Medienfaktur den Begriff des ‚Social Making‘ vorgeschlagen. Doch anstatt mutig eigene Sozialräume zu gestalten, überlassen wir das Feld weltumspannender Digitalmonopole. Dies ist das anschließende Kapitel der verpassten Chancen in der Entwicklung sozialer Software, das an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden soll.

Social Making, als Gegenentwurf zu top-down Architekturen, bedeutet für uns Innovation auf Grassroot Level, mit Empathie für alle Akteure im Handlungsfeld Schule. Hierzu braucht es Atemräume. Was wir fordern ist die Einrichtung innovativer Freiräume in der Form von Innovationslaboren im öffentlichen Dienst, die Investition in Menschen, deren Qualifizierung und Selbstbestimmung, die Förderung eines inklusiven Mindsets, der Abbau bürokratischer Hürden sowie die Etablierung von Qualitätsstandards zur lebenslangen Weiterbildung.

Im Englischen gibt es das Sprichwort ‚there is a lot of water under the bridge.’ Es rauscht im digitalen Fluss. Und es rauscht unüberhörbar.


Picture credit featured image: Markus Spiske/ Unsplash. Bild: Die dargestellte Maschine ist eine Continental 9S, eine Zweispezies-Addiersegmentmaschine um ca. 1935. Ab 1928 wurden sogenannte Pultmaschinen von den Wanderer-Werken in Siegmar-Schönau bei Chemnitz produziert. Das vorliegende Modell 9S kann nur bis 0 subtrahieren. Die Maschine tätigt Nichtaddition, Zwischensumme, Endsumme, Tastaturlöschung und Wiederholung. Ich habe sie als ein Symbol mechanischer Begrenzung gewählt.


One thought on “Zum Scheitern des Digitalpakts und dem Versagen Deutschlands in der Digitalisierung seiner Bildung

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