Nach meiner Rückkehr aus Asien hatte ich große kulturelle Schwierigkeiten mich in Deutschland wiederzufinden. Mein erster Eindruck war, dass die Deutschen so hart an einer Gesellschaft arbeiten, die sie sich im Grunde selbst nicht wünschen. Wo bleibt das all-durchdringende Glück und die Lebensfreude anderer europäischer Völker? Ich beneide die Italiener, Spanier und Franzosen um ihre Lebensart. All die Wutbürger, die nüchtern-Enttäuschten, die Bierernsten, die Besserwisser und Nörgler auf hohem Niveau – where do they all come from? (frei nach McCartneys ‘Eleanor Rigby’). Vielleicht war der Sprung von Thailand, dem ‘Land des Lächelns’, in die bundesrepublikanische Wirklichkeit schlichtweg zu groß.

Heute ist Deutschland eine hochdifferenzierte, pluralistische Gesellschaft. Menschen können in nie dagewesener Vielfalt verschiedenste Lebensentwürfe und Lebensformen verwirklichen. Es ist kein Vergleich zu der wenig diversifizierten Kultur der 80er, man denke nur an die damalige Medienlandschaft, als ich Deutschland verlassen hatte. Heute hat jeder Stadtteil und jede Straßenecke sein eigenes Flair, Flavour und Ambience. Zugleich ist Deutschland zutiefst traditionell geblieben und stellt sich in vielen Bereichen einem zukunftsgerichteten sozialen Wandel trotzig entgegen. Die Abwehr von Wandel definiert das old normal.

Es erscheint mir als eine verklärende, oft zitierte Ansicht, dass beispielsweise die Gleichstellung von Frauen, das Elektroauto oder die Digitalisierung der Bildung, quasi im Dornröschenschlaf, verschlafen wurden. Fakt ist, dass wirtschaftliche und politische Eliten die letzten Jahrzehnte zielstrebig damit verbrachten ihre Machtpositionen zu konsolidieren, bis hin zu Machtmissbrauch und Betrug. Sozialer Wandel bedeutete für politisch-ökonomische Eliten schließlich den Verlust liebgewonnener (oder ererbter) Privilegien. Nur keine Konkurrenz von cleveren Frauen, smarten Ausländern oder jungen Start-Ups!

# bulimielernen. # einserabiinflation. Auch in der Bildung hätte niemand jemals den Mut mindestens 50% aller Lehrinhalte einzustampfen, ordentlich zu entrümpeln und stattdessen mit jungen Menschen nach Herzen zu forschen, gemeinsam die Welt zu erkunden, mal in die Natur zu gehen, offene Fragen zu stellen, Hypothesen zu überprüfen oder eigenständig denken zu lernen.

# beutegemeinschaft. Das old normal sichert bestehende Einnahmequellen und Macht als deren Voraussetzung. Bekannte Phänomene des old normal erscheinen etwa in der Form des Dieselskandals, des traurig-niedrigen Frauenanteils im Bundestag, dem massiven Widerstand gegen eine Erbschafts- oder Kapitalsteuer (Piketty hier als Blasphemie-Trigger), der Werkverträge bei Tönnies, durch Gülle vergiftetes Grundwasser, durch die Aufklärungsbehinderung des katholischen Erzbischofs Woelki, in der Form der Milliardenspritzen für die Lufthansa und TUI während der Coronakrise oder dem starken Anstieg des ‘modernen Sklavenhandels’ aka Niedrigstlohnsektors in Lande. Bei den medial-aufgeplusterten Greta-Hatern geht es um die langfristige Absicherung der Beutegemeinschaft gegen die Ökoterroristen nach der nächsten Bundestagswahl. Zugleich wird die Fossilierung industrieller Führung für alle sichtbar. Der Dieselskandal konnte nur deshalb entstehen, weil deutsche Autobauer in ihren hierarchischen Managementstrukturen mit der Dynamik einer globalen Wirtschaft überfordert waren. Machtspiele ersetzen Innovationsunfähigkeit. Mein Eingangswitz für den Vortrag in einem Social Innovation Camp zum Thema Innovation in Deutschland ging dementsprechend wie folgt:

Die große Innovationsfrage: ‘Wo bleibt der deutsche Elon Musk?’ (… bedeutungsvolle Pause…) Antwort: ‘Der ist mit den Wirecard Milliarden abgetaucht.Credit: Die schöne Antwort kam von meinem Kollegen Peter England während eines Meetings.

Die traurige aber treffende Wahrheit ist, dass die deutsche Industrie im Niedergang begriffen ist. Deutschland entindustrialisiert sich – das muss man erst einmal kognitiv einsinken lassen.

Die Achillesferse deutscher Industriegiganten liegt vor allem in der Auslagerung seiner Innovationszentren. Daimler entwickelt beispielsweise elektrische Autos nicht mehr in Schwaben, sondern in China bei seinen neuen Anteilseignern. Siemens differenziert sich zu Tode und hechelt orientierungslos von einem Stellenabbau zum nächsten, da sie aus Mangel an Innovationskraft mit Billiganbietern aus Osteuropa und China nicht mithalten können. Die deutsche Autoindustrie reibt sich derweil die Augen und versteht noch immer nicht, warum der Börsenwert von Tesla die Summe aller deutschen Autobauer übersteigt. Software Outsourcing bedeutet nicht nur, das Programmieren billiger ist in Mazedonien, Indien, die Ukraine, Polen oder Rumänien. Es bedeutet auch, dass Deutschland genau diese Zukunftskompetenzen verliert. Let’s offshore!

# allessoschönbunthier. Im Gegensatz zu führenden deutschen Industrieunternehmen verdienen amerikanische Machtmaschinen wie Google, Amazon oder Tesla ihren Erfolg durch fleißige, hausinterne Innovationszentren. Es werden zudem keine Produkte im klassischen Sinne entwickelt, sondern Plattformen und Infrastrukturen. Du verkaufst nicht im Markt, Du bist der Markt! Innovationen werden in gut vernetzten, agilen internationalen Teams entwickelt. Aus der Sicht der Industrie 4.0 ist der deutsche Facharbeiter wie auch sein patriarchalisches Management ein Auslaufmodell. Das schönste Gemälde in dieser Galerie ist hier der Braunkohleausstieg bis 2038 und dessen goldene Umrahmung mit 40 Milliarden Euro für alle Kohleländer als Abschiedsgeschenk. Sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, dass hat glücklicherweise niemand verlernt. Der deutschen mittelständischen Industrie, die unter der amerikanischen (und neulich auch chinesischen) Monopolisierung leidet, nützt das herzlich wenig.

#manchmalmussmanaufdiepaukehauen. Auch im Bereich der Bildung schauen wir, passend zum Narrativ der bockigen Innovationsverweigerung, in entgegengesetzte Welten: Die cloudbasierte US Lernplattform Canvas wurde beispielsweise vor wenigen Monaten an die Private Equity Firma Thoma Bravo für satte zwei Milliarden USD verkauft. Der bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus, Piazolo, rät derweil in diesem Januar von der höheren Nutzung der handgestrickten Lernplattform Mebis ab, die unter Spitzenlasten zusammenbricht. Und da ist sie wieder, die bequeme deutsche Illusion mit so wenig Geld wie möglich, spektakuläre Ergebnisse erreichen zu können. Ohne außergewöhnliche Anstrengung gibt es keinen Erfolg; wir sollten es wissen: Ohne das beherzte Marketing einer Bertha Benz würde es heute keine Automobile geben, da Carl Benz die Flinte für seine neue Erfindung schon längst ins Korn geworfen hatte. Google the story.

Fehlende Innovationskraft in der Wirtschaft 4.0 ist nur der eine Aspekt des Problems. Zugleich zeichnet sich Deutschland durch eine stark alternde Bevölkerung aus. Es gibt als demographischen Ausgleich keinen signifikanten Zuzug qualifizierter Menschen nach Deutschland mit der Blauen EU Karte. Fremdenfeindlichkeit, die Hürden der deutschen Sprache und traditionelle Firmenstrukturen (und Bürokratie!) verhindern effektiv den Zuzug genau all jener potenziellen NeubürgerInnen, die Deutschland so dringend brauchte: innovationsfreudige, junge, mutige und gesellschaftlich-engagierte Menschen mit hoher Qualifikation und Bildung. Was passiert stattdessen?

Hunderte von Milliarden Euro, die bis 2030 allein an Renten und Beamtenpensionen fällig werden addieren sich zu den weiteren hunderten von Milliarden Euro Schulden, welche die Bundesregierung gerade notgedrungen durch Corona macht. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung einschließlich aller Extrahaushalte waren, laut Statistischem Bundesamt, Ende des dritten Quartals 2020 mit 2,195 Billionen Euro verschuldet. Ein Großteil der Rechnung wird an die jüngere Generation weitergeleitet. Schon jetzt ist absehbar, dass sie nicht bezahlt werden kann. Was hat dies mit Menschlichkeit zu tun? Zum einen bedeuten Schulden eine verminderte öffentliche Handlungsfähigkeit und damit einhergehend einen Mangel an Investitionspotenzial. Aber in Frage gestellt wird viel mehr als nur Bezahlbarkeit. Es geht um menschlichen Umgang, gemeinschaftliches Zusammenleben, Wertschätzung und Empathie.

Sticker: Joana Kompa, inspiriert von Stephen Frosts ‘The Inclusion Imperative‘ (cc-0)

# lebensentwürfe. Deutschland hat sich an die Unmenschlichkeit gewöhnt alte Menschen in Altenheime zu pferchen, genauso wie Deutschland sich an die Massentierhaltung gewöhnt hat oder das individuelle Anspruchsdenken – vom SUV, Traumurlaub trotz Corona bis hin zum ‘Maskenmuffel’ im Aldi.

#alltogethernow. In dem Moment, in dem Menschen auch im Alter noch an der Gesellschaft aktiv teilnehmen und nicht auf ein Abstellgleis gestellt werden, vermindert sich Abhängigkeit. Wenn auch nicht für alle erreichbar, so sollte Autonomie und gesellschaftliche Partizipation im Alter als ein neuer Wert wahrgenommen werden. Dies ist vor allem abhängig von der Fitness wie der Lernfähigkeit älterer Menschen. In Asien, meine früheren Heimat, war diese generell sehr groß. Ob in Thailand oder in Japan – zumindest der größte Teil alter Menschen war vergleichsweise gesund und mobil. Eine meiner früheren Studentinnen hat zum Thema einen schönen kleinen Film produziert.

#integrateme. Ich kann mich noch gut an ein nettes älteres Ehepaar in Kyoto erinnern, bei denen ich vor ein paar Jahren unterkam und die mit ihren iPads sehr flott den Alltag organisierten. My heroes! Auch mein Mentor, Prof. Howard Barrows trainierte unser pädagogisches Team noch mit 75 Jahren. Junge und Alte, Gesunde und Gebrechliche müssen sich solidarisieren. Das Alter darf nicht wie ein Subunternehmen ausgelagert , sondern soll, soweit möglich, in der Gesellschaft aktiv gelebt werden.

#glückderselbstbestimmung. Eine gesundheitsbewusste, moderate Lebensführung und lebenslanges Lernen werden sich als die zentralen Angelpunkte zukünftiger Gesellschaften beweisen. Nicht nur aus wirtschaftlicher Cost-Benefit Analyse. Ich möchte in ein paar Jahrzehnten mental wie körperlich noch fit sein. Lebensfreudig inmitten der Gesellschaft. Meine Vision von der Hölle: im Alter mit Rollator auf einem Kreuzfahrtschiff mit einer russischen Tanzkapelle, die deutsche Schlager spielt. Den letzten Eisbären beim Ertrinken zuschauen. Oder den Rest meines Lebens mit B-Promis aus RTL-2 zu verbringen. Aber hinweg mit solchen alptraumhaften Gedanken! Alt und jung gehören zusammen. Auch hier leider schattiges Gelände.

Wie der Bildung, wird auch dem Alter sehr wenig Wert beigemessen. Personalmangel und Unterbezahlung im Pflegedienst, Heimen und Kliniken, katastrophale Betreuungs-Schlüssel oder die Ausgliederung der Pflege an mafiöse externe Anbieter singen ein Lied davon. Die weitergehende Frage ist, welche Gesellschaft wir uns wünschen. Es geht nicht minder um die Jüngeren.

Eine menschliche Gesellschaft ist für mich eine kinderfreundliche Gesellschaft, denn Kinder sind die Erneuerung der Welt. Eine menschliche Gesellschaft ist eine multikulturelle Gesellschaft, in der alle Kulturen zu Hause sind, sich nicht abschotten sondern, ganz im Gegenteil, der bundesdeutschen Gesellschaft dienen und diese bunt mitgestalten. Eine menschliche Gesellschaft ist eine inklusive Gesellschaft, und das bedeutet konkrete Partizipationsmöglichkeiten für Minderheiten sowie Unterstützung und Hilfe für alle, die nicht mit dem goldenen Löffel auf die Welt gekommen sind. Anja Wagner hatte in einem Vortrag den schönen Begriff eines bedingungslosen Bildungsguthabens geprägt. Eine menschliche Gesellschaft ist eine selbstbewusste, freie und kreative Gesellschaft, die sich ihrem Wert und ihrer Stellung in der Welt bewusst ist. Dazu gehört im Umkehrschluss, dass wir nicht auf Kosten anderer Länder leben. Das stagnierende Lieferkettengesetz sei an dieser Stelle erwähnt – tatsächliche Nachhaltigkeit gilt für ökologische wie soziale Beziehungen.

Eine selbstbewusste Haltung spielt vor allem aus internationaler Sicht eine große Rolle, da wir zunehmend mit anderen Gesellschaftsformen konkurrieren – etwa mit der chinesischen Digitaldiktatur sowie mit verschiedensten autokratischen Systemen. Eine menschliche Gesellschaft feiert die Freiheit zu Vielfalt, Inklusion, Gleichberechtigung  und Teilhabe und weiss um die Freiheit von Diskriminierung, Gewalt, Ideologie, staatlicher Bevormundung oder Gleichgültigkeit. Doch wie kann eine solche Vision realisiert werden?


“Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander”

Zeile aus Hölderlins ‘Friedensfeier’

#ichbinmehralseinturingtest. Digitalisierung spielt eine Schlüsselrolle für das skizzierte positive gesellschaftliche Ideal. In einer hochdifferenzierten Gesellschaft wird Partizipation zu einem großen Teil durch soziale wie administrative digitale Netzwerke ermöglicht werden. Es gibt praktisch keine unvernetzten, ‚nichtdigitalen‘ Jobs mehr. Mehr und mehr Transaktionen, ob mit Stadtverwaltungen, Schulen und Schulverbänden, Arztpraxen, Krankenhäusern, politischen Parteien, Wirtschaftsverbänden, Bürgerinitiativen, Gemeindeeinrichtungen oder Ministerien werden größtenteils digital stattfinden, denn nur so lässt sich eine lebendige Demokratie, die vom Dialog zwischen BürgerInnen und Institutionen auf gleicher Augenhöhe lebt, auf breiter Ebene realisieren. Mehr und mehr kommerzielle wie öffentliche Dienstleistungen werden digital vermittelt werden, denn nur so können personalisierte Angebote formuliert und offizielle Anfragen zügig bearbeitet werden. An die Stelle des Abtickens von Kriterien-Boxen tritt, so meine Zukunftserwartung, der konstruktive und verstehende Dialog.

#hegelsbaustelle. #designmindset. Generell erleben wir die geschichtliche Realität als eine heikle Mischung aus anbahnender Vollkatastrophe (These) und hoffnungserweckenden Wunschvorstellungen (Antithese), die uns das Herz wärmen.

Die hegelsche Synthese aus beiden Phänomenologien vervollkommnet sich in der Vorstellung der Gesellschaft als ewige Baustelle, die sich aber auf dem Weg weiß. Der Weg weiß um seine Bedeutung. Die GesellschaftsdesignerInnen der Zukunft wissen um die fragilen Gelingensbedingungen ihrer sozialen Projekte. Im Prozess der Synthese geht es zudem um etwas viel Wertvolleres als reine Herstellbarkeit, Fakten und Zahlen: das Bewußtsein, dass wir gemeinsam unsere Zukunft mutig denken, entwerfen und träumen können.


,Der Hoffende ist den Tatsachen voraus.’

Ernst Bloch

Mein Wunsch für 2021 ist es, dass wir den Glauben an die Rationalität unseres Gesellschaftssystems nicht aufgeben. Das Gegenteil wird uns diese Tage in den USA als mahnendes und gruseliges Beispiel vorexerziert. Ich bin hier ganz bei Claus Klebers schmerzender deutsch-amerikanischer Seele. Ganz im Gegenteil hoffe ich, dass kreative und partizipative Initiativen sich dieses Jahr durchsetzen können, dass Best-Practice Beispiele – ob im privaten Bereich, in der Wirtschaft oder im öffentlichen Sektor – in benachbarte Handlungsfelder übertragen werden können. 2021 ist definitiv das entscheidende Jahr, in dem sozialer Fortschritt und Technologie nicht mehr getrennt voneinander gedacht werden können.

Digitale Transformation ist gleichbedeutend mit sozialer Transformation. Worauf warten wir? Wäre ich im Sitz eines Jean-Luc Picard, würde ich meine Hand nun schmunzelnd nach vorne winken: Engage!


Thematisches Bild, Credit: Friedensreich Hundertwasser ‘Grüne Stadt’, Copyright Kunsthaus Wien


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