Workshops und sozialer Wandel: Ein Widerspruch?

Webinare oder Workshops werden oft in Verbindung mit Anleitungen zum Gebrauch digitaler Medien gebracht. Alle brauchen Medien. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von ‚Toolifizierung‘, d. h. es geht in solchen Veranstaltungen typischerweise um die Verwendung multimedialer Werkzeuge zur Beantwortung der Fragen Wie verwende ich das? und Wie funktioniert das?

Sozialer Wandel im Sinne der Entwicklung einer anspruchsvollen Lernkultur wird dagegen sehr selten mit Workshops assoziiert was größtenteils damit zusammenhängt, dass einzelne Workshops eine begrenzte Reichweite haben. Sozialer Wandel erfordert langfristige Begleitung. Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass Lehrkräfte wegen ihres hohen Lehrdeputats oft wenig Zeit haben sich auf langfristige soziale Transformationsprozesse einzulassen.

Können Workshops Formate daher überhaupt sozialen Wandel initiieren, fördern, einleiten und begleiten? Im Handlungsfeld Schule ist, wenn wir an den Bildungsauftrag von Schulen erinnern, soziale und politische Bildung nicht arbiträr. Im Sinne einer modernen, konstruktivistischen Pädagogik und in Anlehnung an John Dewey versuchen wir Schulen demokratisch zu gestalten. Eine wesentliche Aufgabe von Bildung ist die Vorbereitung auf ein Leben in einer solidarischen Gemeinschaft, die nicht nur auf Repräsentation, sondern auf Partizipation beruht. An der Universität Oldenburg hatten wir in den letzten Semestern mit unseren Studierenden eine pragmatische wie qualitativ-anspruchsvolle Sequenz von Workshops zur koooperativen Gestaltung hybriden Unterrichts entwickelt, die ich im Folgenden vorstellen möchte.

Das mehrfach erprobte Konzept wurde entwickelt am Institut für Pädagogik an der Universität Oldenburg im Projekt OLE+ (Biographieorientierte und phasenübergreifende Lehrerbildung in Oldenburg).

Kooperative Curriculumplanung und Co-Creation

Der ABC Workshop steht im Zentrum kooperativer Curriculumplanung und wurde speziell zur Gestaltung hybriden Unterrichts entwickelt. In Gesprächen mit der Universität Dublin, die zahlreiche ABC Workshops durchführt, wurden uns einige Probleme des Formates bewusst.

Zum einen macht es wenig Sinn, wenn Lehrende ohne eine klare Definition und Vorstellung von Lernzielen in den Workshop gehen; zum anderen ist die kognitive Anstrengung in diesem Workshop enorm hoch, da Lehrkräfte innerhalb weniger Stunden komplette Curricula entwerfen – inklusive der Lernaktivitäten und Evaluationsmethoden. Insoweit bleibt wenig Zeit für die Entwicklung besonders kreativer und innovativer Ideen zur Curriculumgestaltung.

Um die intrinsische kognitive Last vom ABC Workshop zu nehmen, um John Swellers Terminologie zu bemühen, hatten wir zwei vorbereitende Schritte vorgeschaltet. (1) Der erste Schritt besteht in der Formulierung von Lernzielen bzw. dem erwünschten Kompetenzerwerb. Das Vorwissen von Lernenden und die Kenntnis ihrer sozialen Rahmenbedingungen sollte zudem als Ist- Zustand ermittelt werden um realistisch einzuschätzen, wo Lernende abgeholt werden können. Die Ausarbeitung von Lernzielen eignet sich zudem vorzüglich für ein erstes Team-Building.

(2) In einem zweiten Schritt geht es um die Überlegung, welche Lernaktivitäten zum gewünschten Lernziel führen. Es geht in der Erstellung des Constructive Alignment unter anderem darum, passende Leistungsnachweise und Evaluationsmethoden zu erörtern.

Zugleich bietet sich in diesem Schritt die Einbeziehung von Lernenden sowie internationalen Perspektiven an, die substantiell zu einer besseren qualitativen Entwicklung beitragen. Diese erste grobe Verortung von Lernzielen, Lernaktivitäten und Evaluationsmethoden entlastet den ABC Workshop inhaltlich.

(3) Im dritten Schritt des eigentlichen Workshops eröffnen sich folgerichtig mehr Möglichkeiten zur Diskussion innovativer und kreativer Lernaktivitäten oder die Gestaltung von Lernpfaden. Erfahrungsgemäß ist dies in ABC Workshops ohne eine vorausgehende Vorbereitung kaum möglich.

(4) In einem vierten und letzten Schritt bietet es sich an die Mediengestaltung und Ressourcenplanung separat zu thematisieren und umzusetzen. Es geht schließlich nicht nur um die Planung des Mediengebrauchs im Unterricht, sondern ebenso das Medienmanagement auf Schulebene und die transparente Einschätzung des Betreuungsbedarfs. Daher sollten Schulleitungen unbedigt in das Design neuer Bildungsangebote eingebunden werden (siehe Grafik unten).

Grafik: Stufen einer sequentiellen Curriculumgestaltung für hybriden Unterricht (Kompa, 2020)

Vorteile einer differenzierenden Workshop-Sequenz

Im ursprünglichen ABC Workshop werden die oben genannten Schritte in einer einzigen Veranstaltung bestimmt. Die Vorteile einer Aufspaltung in beispielsweise vier Workshops sind dagegen wie folgt:

  • Lernziele bzw. kompetenzorientiertes Lernen kann detaillierter und genauer definiert werden
  • Lernziele, Lernaktivitäten und Evaluationsmethoden sind im Sinne des Constructive Alignment aufeinander abstimmt und erlauben eine kohärente Lernerfahrung
  • Im ABC Workshop gibt es mehr Zeit für die Diskussion innovativer und kreativer Curriculumsgestaltung
  • Schulleitungen können gezieltes Medienmanagement entwickeln
  • Die Arbeitslast Lehrender, etwa zur Unterrichtsvorbereitung oder für den Betreuungsbedarf, kann transparent dargestellt und die Workload fairer aufgeteilt werden

Dieses ‚tried and tested‘ Konzept einer vierstufigen Sequenz zur Planung hybriden Unterrichts wurde unter meiner Leitung an der Universität Oldenburg im Modul PB-380 entwickelt. Der Vorteil mehrstufiger Sequenzen von Workshops besteht darin, dass sie auch zeitlich voneinander getrennt durchgeführt werden können. Sequenzen von Workshops bieten sich zur zyklischen und nachhaltigen Entwicklung von Curricula an. Die eingängliche Frage, ob Workshops dazu geeignet sind sozialen Wandel voranzutreiben, kann damit bejaht werden.

Mit dieser optimistischen positiven Aussicht möchte ich diesen Beitrag beenden. Prinzipiell steht auch der Zusammenlegung mehrerer Schulen in einem gemeinsamen Workshop nichts entgegen. Sogar die weitergehende kooperative Vernetzung von Lernregionen kann aktiv gefördert werden indem verschiedenste Bildungsträger, schulische wie außerschulische Lernorte, in kooperativ-partizipative Strukturen eingebunden werden.

Kontakt

Schulen und Bildungsträger, die an Kooperation, der Vorbereitung, Ausführung und Weiterentwicklung des vorgestellten Formats interessiert sind, können mich gern unter kompa@mygatekeeper.de kontaktieren. Ich bin durch https://mygatekeeper.de/ erreichbar.


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