Ich war einmal eine von Euch: Meine Perspektive als Bildungsmigrantin

Was beschreibt meine Erfahrung als globale Bildungsmigrantin? Wenn du von einer Kultur in eine andere wechselst, werden viele autobiografische Parameter zunächst auf null zurückgesetzt. Niemand kennt dich oder deine Geschichte. In Singapur hatte ich mich als Bildungsexpertin für das Ministry of Education (MOE) des Stadtstaates hochgearbeitet, wurde als eine der besten Lehrkräfte des Landes ausgezeichnet und dekoriert. In Thailand war ich ‚Ajarn Joana‘ (‚Professorin Joana‘), eine beliebte Dozentin und Programmdirektorin, auch wenn ich offiziell keine Professorin war und die ‚Ajarn‘ Bezeichnung als hohe Anerkennung generell von Thais vergeben wird.

Zurück in Deutschland, fing ich wieder bei null an. Nach meiner Rückkehr war es ein Jahr auf Hartz IV, was mir aus asiatischer Sichtweise (Notiz: Ich lebte seit 1989 in Asien) sehr unangenehm und peinlich war:

Es war aus meiner Sichtweise unehrenhaft von der Gemeinschaft Geld anzunehmen ohne dafür eine Gegenleistung anzubieten. In Asien möchten wir stets eine Balance finden. Daher machte ich mit mir einen stillen Vertrag, dass ich, sobald ich eine Anstellung in Deutschland finden würde, mit meiner Arbeit für die deutsche Steuergemeinschaft den Vorschuss ausgleichen würde. Meine Selbstachtung wäre damit wieder hergestellt. So funktioniert mein Mindset.

Es gab zunächst viele Absagen, da die meisten Universitäten nicht an Teamarbeit interessiert waren. Ich wurde von Professor Howard Barrows im problembasierten Lernen (PBL) ausgebildet, an dem in Deutschland jedoch niemand interessiert war. Ich hatte fälschlicherweise angenommen, dass kooperatives Problemlösen ein Hit sein müsste. Die strukturierte Arbeit in Kleingruppen stellte sich in Deutschland aber als ein Ladenhüter heraus. Es gab keine Nachfrage.

Psychologisch muss man dabei so einiges einstecken, denn nicht nur wird eine hart erarbeitete Autobiografie auf null gesetzt, darüber hinaus muss man damit rechnen sich eine ganze Weile als überflüssigen, exotischen, nicht in die deutsche Normen passenden Menschen zu erfahren. “Ach ja“, hörte ich oft, “Sie waren in Singapur. Hochinteressant!” und das war schon das Ende des Gespräches. Ich verabschiedete mich immer höflich, schrie aber in meinem Kopf vor Verzweiflung. Ich war wie aus Glas.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich vollkommen falsch beworben hatte und das Zauberwort in Deutschland nicht ‚Lerngemeinschaft‘ oder ‘Kooperation’, sondern ‚Digitalisierung‘ hieß. Der Groschen war gefallen. Wie konnte ich das übersehen! In Asien waren wir schon seit einem Jahrzehnt voll digitalisiert. Ich hatte es als eine Selbstverständlichkeit angenommen. Was war aus meinem Land die letzen 30 Jahre geworden? So fand ich meine Anstellung an der Universität Oldenburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Digitalbereich.

Eine weitere Erfahrung kam hinzu: nur wenige Deutsche interessierten sich für den internationalen Bildungskontext. Es geht meist um deutsche (Hoch)Schulen, deutsche Fördermittel, deutsche Konzepte in, folgerichtig, deutschen Diskursen. Letztere werden, wie in einem Max Frisch Roman, in den öffentlichen Medien von Hirnforschern und Philosophen geführt. Mein Mindset war dagegen international kalibriert. Kurz nach meiner Einstellung nahm ich daher Kontakt zur EU-Kommission auf und wurde, nach einem sehr schönen und offenen Email-Austausch mit Dr. Christine Redecker, als Expertin in eine Arbeitsgruppe zu DigCompEdu (Framework for the Digital Competence of Educators) eingeladen.

Von Hartz IV in eine Arbeitsgruppe der EU-Kommission innerhalb eines Jahres – ach wie schön, das war ein neuer Rekord! Die Anerkennung tat mir gut, ebenso wie die wohltuende Professionalität der eingeladenen internationalen ExpertInnen. Hier konnte ich eine weltwache Gemeinschaft wiedererkennen! So sah Zukunft aus!

Deutschlands Universitäten: Stranger than Paradise

Rückblende nach Oldenburg. Das deutsche Universitätsleben erschien mir von Anfang an sehr seltsam und fremd. Stranger than Paradise. Es gab keine agilen Teams wie in Singapur, sondern große Gremien- und Fakultätsratsitzungen, in denen Tagesordnungspunkte abgearbeitet wurden. Daran ist nichts falsch und diese Sitzungen haben durchaus ihre Berechtigung. Nur gab es eben keine lebendigen Entwicklergemeinschaften, die dem bürokratischen Apparat zuarbeiteten. Und wo war die Abteilung für akademische Qualitätsentwicklung? Wo die unbefristeten Stellen für Digitalisierung? (Anmerkung: Eine Professur zur digitalen Bildung ist derzeit an der Uni Oldenburg in Vorbereitung).

Daher beschloss ich mich mit einem großartigen Kollegen, Dr. Michael Viertel, die Medienfaktur an der Universität Oldenburg zu gründen, ein lockerer Haufen engagierter KollegInnen, die Digitalisierung mit sozialen Fortschritten jenseits der Statusgruppen des Universitätsbetriebes verbanden. Als Leuchtturmprojekt bekamen wir den Segen von Prof. Olaf Zawacki Richter und Prof. Yvonne Ehrenspeck-Kolasa, denen ich bis heute unendlich dankbar bin für die bedingungslose Gestaltungsfreiheit, eben jene terra incognital medialis kreativ und spielerisch zu erforschen. Das war rückblickend ein historischer Glücksfall, denn wir konnten bahnbrechende Innovationen vorantreiben.

Wir warben erfolgreich Drittmittel ein, gestalteten eine der modernsten digitalen Lernökosysteme in Deutschland, entwickelten eine hybride Bildungsphilosophie und wurden im Verlauf unserer Experimente von der Hochschulrektorenkonferenz dafür ausgezeichnet. Sogar mit der ‘Sendung mit der Maus’ durften wir zusammenarbeiten, ein medialer Ritterschlag.

Für mich war es leider ein Flug des Ikarus. Ein kleiner Rückblick: Mein Lebenstraum war es zu promovieren. Dies war das Hauptmotiv an der Universität zu arbeiten. Ich hegte und pflegte diesen Traum seit Jahrzehnten.

Nach zwei Jahren an der Universität kam es zum unerwarteten Absturz. Mein Vorgesetzter bat mich kurz vor Weihnachten 2020 in sein Büro und teilte mir kurz und knackig mit, dass nach Einschätzung der Kultusministerkonferenz (KMK), erstens, mein englischer, berufsbegleitender Masterabschluss von der Universität Liverpool aufgrund eines Mangels an ECTS Punkten nicht anerkannt werden könne, zweitens ich mich daher nicht auf die neuen, sehr attraktiven E13 Digitalisierungsstellen der Universität bewerben könne, und drittens, ich selbstverständlich nicht promovieren könne und mir wohl besser einen anderen Job suchen müsse. Da stand ich nun wie bestellt und nicht abgeholt. Als Bildungsmigrantin mit 57 Jahren.

Das Schreiben der KMK, dass mir in Auszügen weitergeleitet wurde, las sich aus meiner Sicht sehr hochmütig. Meine Arbeit und Abschlüsse in Singapur seien der KMK nicht bekannt und damit irrelevant. Aufgrund der fehlenden ECTS Punkte eines berufsbegleitenden Masters sei mein Abschluss ‚wissenschaftlich nicht gleichwertig‘ mit einem deutschen Masterabschluss. In Neudeutsch bedeutete dies für meine Unikarriere ‚Ende Gelände‘. Ich wurde aus dem wissenschaftlichen Teil der Universität verbannt.

Es gibt an dieser Stelle in meinem Bewußtsein eine signifikante kognitive Dissonanz zu meinem MSc in Angewandter Psychologie. Die Universität Liverpool gehört zu den top 200 Universitäten weltweit und ist Mitglied der Russell Group, den 24 führenden Forschungsuniversitäten in England, zu denen auch Oxford und Cambridge gehören. Meine wissenschaftliche Ausbildung, speziell in der empirischen Forschung, war Weltklasse. Ich hatte in meiner Masterarbeit bewiesen, dass ich hochwertige wissenschaftliche Forschung betreiben kann. Eine amerikanische Ivy-League Freundin, mit der ich in einem anderen Forschungsgebiet zusammenarbeitete, schüttelte den Kopf.

Leider genügte ich nicht den Tickboxen der KMK. Berufsbegleitende Abschlüsse, die bei einem Vollzeitjob so verdammt hart zu erreichen sind, passen nicht in die perfekten Schemata, denen man in Deutschland genügen muss. Ich beneidete meine um Jahrzehnte jüngeren KollegInnen, denen das Glück beschert war die richtigen und wohlbehüteten Pfade gegangen zu sein. Es half auch nichts, dass Professoren der Universität Oldenburg (wie der Universität Bremen) mich gerne an Bord geholt hätten und sich sehr engagiert für mich einsetzten. Am Ende siegte die Weisungsgebundenheit.

Hallo, Ikarus!

Eine Welt brach für mich zusammen. Ich war wochenlang in Tränen. Monate tiefer Depression folgten. Wie sehr hatte ich davon geträumt für meine deutsche Heimat das Bildungssystem zu reformieren und zukunftsweisende Konzepte für die öffentliche Bildung zu entwerfen! Ich kontaktierte meine amerikanische Psychologin für eine Coachingsession. Was davon hängenblieb war die Einsicht ‚Ich bin ein kreativer Mensch‘ und ebenso, dass ich aller Voraussicht nach in einem hochbürokratisierten System nur unglücklich geworden wäre. Mir wurde klar, dass ich hinaus musste auf das freie Feld.

Nach Ablauf eines von zwei Drittmittelprojekten besorgte ich mir eine Steuernummer und startete eine Karriere als freiberufliche Unternehmerin. Ich dachte mir: wenn du auf das bürokratische System in Deutschland setzt, endest du in der Altersarmut. Das ist kein Witz. Du bist verraten und verkauft. Wäre nicht Corona und wäre ich nicht in einer neuen glücklichen Beziehung, würde mich nichts davon abhalten wieder nach Asien und seinen einladenden Möglichkeitsräumen zurückzukehren. Im ‚Patmos‘ schrieb Hölderlin so schön:

Im goldenen Rauche, blühte Schnellaufgewachsen, Mit Schritten der Sonne, Mit tausend Gipfeln duftend, Mir Asia auf (…)

Ich hatte in Singapur nie Ablehnung erfahren wie in Deutschland. Als die Temasek Fachhochschule an mich herantrat um mich zu fragen, ob ich für Sie als Dozentin arbeiten könne, entgegnete ich, dass ich keine ausgebildete Lehrkraft sei. „Das ist gar kein Problem“, erwiderte der frühere Direktor der Temasek Design School (TDS), Edmond Khoo. „Eine erstklassige international-anerkannte Ausbildung als Dozentin in der höheren Bildung bekommen Sie natürlich von uns umsonst. Wir möchten, dass Leute wie Sie, die sich innovativ in der Wirtschaft bewiesen haben, unsere jungen Leute ausbilden.“ Tja, das waren noch Zeiten. Und ja, ich bekam die Berufsausbildung. Zurück in die Gegenwart.

Mein letzter Vertrag mit der Universität Oldenburg läuft im April nächsten Jahres aus. Ich bin somit leider kein Stakeholder mehr, aber werde in der digitalen Lehrkräfte-Professionalisierung bis zum Ende gute Arbeit leisten. Das ist mein Ethos. Eine Zukunftsperspektive gibt es nicht. Doch es gibt glücklicherweise Positives und Rettendes (und gute Engel). Um bei Hölderlin zu bleiben: ‚Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch‘.

Reifenwechsel

Während der letzten Monaten hatte ich es geschafft für verschiedene kleinere und charmante Projekte als freiberufliche Mitarbeiterin an Bord zu kommen. Ich verdiene zum ersten Mal Geld in Deutschland außerhalb eines Angestelltenverhältnisses. Finanziell kann ich mich nicht beklagen – es gibt mehr Projekte als ich annehmen kann. Eine Freiheit!

Ich träume davon am Ende des Jahres mein eigenes digitales Start-Up zu gründen. Schwerpunkt ist die kreative wie qualitativ-hochwertige Gestaltung von Lernprozessen, für die es noch keine Software gibt. Ich denke weit in die Zukunft, jenseits von Lernmanagementsystemen. Das ist meine Zukunftsperspektive und ich bin glücklich, dass sich hochkarätige Kollegen mit eingebracht haben. Wir sind wie eine Crew bei StarTrek: To boldly go where no one has gone before. Und wenn wir schon bei Mut stiftenden Zitaten sind – Ernst Bloch schrieb in seinem ‚Prinzip Hoffnung‘ die schönen Zeile ‚Der Hoffende ist den Tatsachen voraus‘. So ist es in der Tat. Mit 58 nochmal durchstarten.

Zur Rest-Glut: Will ich noch einen deutschen Doktortitel, selbst wenn mir die Möglichkeit angeboten würde? Die Antwort ist ein klares Nein. Der Zug ist abgefahren. Falls ich jemals die Zeit für einen PhD aufbringen sollte, würde ich eine renomierte internationale Universität vorziehen. Mit den Betonköpfen der KMK habe ich auf ewig gebrochen. Illegitimi non carborundum. Es gibt nichts mehr zu kitten und bin weitergezogen. In a nutshell:

I am not looking back in anger. In hindsight, this crash was a blessing in disguise.

Das deutsche Bildungssystem halte ich aufgrund seiner Selbstreferentialität für reformunfähig. Ich will meine Lebenszeit nicht in diesen Systemen vergeuden. Um mir treu zu bleiben (ich kann das hohe Gut öffentlicher Bildung doch nicht aufgeben!), arbeite ich in Pro Bono Projekten.

Die Wirtschaft hatte mich nie enttäuscht. Hier wollen alle vorankommen. Das ist mein Ding. Die nächsten zwei Dekaden werde ich in frische Ideen investieren, in mein Unternehmen, neue Arbeitsformen des New Work, in meine KollegInnen und MitstreiterInnen, in unser Team und unsere Crew. Wir sind DaVincis: Lasst uns Flugmaschinen bauen wo andere noch Hexen verbrennen!

Am Ende steht für mich immer das Wohl der Welt … im Schulterschluß mit den Millennials und der Generation Z. Erst die Kindheit und Jugend ermöglichen eine Erneuerung der Welt. Ich habe mein Ikigai gefunden. Die beste Zeit liegt vor uns:

„Warp Drive, Captain?“

„We have no time to lose. Make it so!

Postskriptum: Things have a way of falling into place

Der bisherige Narrativ war, trotz aller Krisenerfahrung, keine vergeudete Zeit. Manchmal bedarf es der Erfahrung von Dysfunktionalität bevor Innovation und Neuerung an die Tür klopfen. Ich traf zudem viele großartige Menschen – an der Uni Oldenburg und außerhalb. Ohne diese Menschen gäbe es keine Zukunft für mich. Ergo, soziale Netwerke sind wichtiger als eine Krisenerfahrung. Das habe ich gelernt.

Es bringt wenig psychologisch an Systemen zu verzweifeln, auch wenn sie so manche Träume begraben. Wenn das Tor nicht aufgeht, laufe um das Tor herum und finde einen anderen Zugang. Ein deutscher Poet erwähnte einmal, dass es hinter dem Horizont stets weitergeht.


2 thoughts on “Zu meinem 58. Geburtstag: Wie ich als Bildungsmigrantin und Digitalisierungsexpertin in Deutschland scheiterte und dann einen Reifenwechsel vornahm
  1. Es ist erschütternd, dass das deutsche Hochschulsystem nach wie vor so unflexibel und ignorant gegenüber den Bildungssystemen anderer Länder ist. Umso mehr: Viel Erfolg und alles Gute!

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