“Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Menschen umso leichter zu täuschen sind, je größer ihr Geist und je umfassender ihre Bildung ist” Houdini

Frau G. (der Name ist geändert und anonymisiert) ist eine gebildete, höfliche, ebenso wie streitbare Frau. Als Diplombiologin, nun im Ruhestand, kann sie auf ein wissenschaftlich fundiertes Weltbild zurückgreifen. Wir hatten seit der Corona Krise den Kontakt verloren und lange nicht miteinander gesprochen. Daher entschloss ich mich vor einigen Wochen sie zu Kaffee und Kuchen einzuladen.

Corona stand selbstverständlich als der Elefant im Raum und so kamen wir schnell ins Gespräch. Nein, sie glaube nicht an die ganze Panikmache, seufzte sie. Durch die FFP-2  Maske hätte sie Schwierigkeiten zu atmen. Ich nickte verständnisvoll.

Sie hätte bei der letzten Bundestagswahl ‘dieBasis’ gewählt, fügte sie hinzu. Nun konnte ich mir eine hochgezogene Augenbraue doch nicht verkneifen. In solchen Situation ist es verführerisch zum großen Gegenargument auszuholen, doch ich wollte mehr über die Verschwörungsnarrative und die sehr seltsame Szene wissen, in die sie geraten war. Ich hörte weiter zu.

Im fast gleichen Atemzug echauffierte sie sich über die jungen Leute in Fridays for Future. Gerade diese jungen Menschen wären ja die schlimmsten Klimasünder, mit ihren iPhones und Weltreisen, und würde man ihnen ihre schöne Konsumwelt wegnehmen, wären wohl nur noch wenige Aktivisten übrig.

Eine zu starke Moralisierung des Diskurses, signalisierte mein Gehirn. An diesem Punkt musste ich intervenieren und merkte lakonisch an, dass ich, auch wenn ich parteipolitisch nicht fest verortet bin, die Grünen gewählt hatte und Fridays for Future, Scientists for Future, Parents for Future etc. aus ganzem Herzen unterstütze sowie ihre Anliegen für mehr als berechtigt halte.

Autsch, meinte sie, da bin ich ja in ein Fettnäpfchen getreten! Ich erwiderte: Das geht schon in Ordnung, schließlich leben wir in einer Demokratie und alle Menschen haben das Recht ihre Meinung frei zu äußern. Das impliziere natürlich, dass wir uns gegenseitig nicht nur tolerieren, sondern uns respektieren, zuhören und verstehen.

Das Thema kam zurück auf Corona. Statistisch gesehen, meinte Frau G., hätte die Coronakrise bisher keinen Einfluss auf die Übersterblichkeit gehabt, d. h. die bundesdurchschnittliche Sterberate. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter.

Nun gut, antwortete ich, ich denke, dass es für Politiker schwer zu verantworten und den Wählern schwer zu vermitteln ist, wenn jeden Tag so viele Menschen sterben wie in einen größeren Airbus passen. Wäre nach dieser Logik ein Flugzeugabsturz pro Tag in Ordnung? Wie viele Tote wären täglich für die Politik ‘ok’ nur damit andere sich nicht einschränken müssen? Diskutieren wir dies ernsthaft und wenn ja, wo sind wir falsch abgebogen? Kannte Frau G. nicht all die Reportagen aus den Intensivstationen? Oder konnte sie diesen Teil der Realität mühelos ausblenden, Krankheit und Leiden schwuppdiwupp beiseite stellen?

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Empathie nicht nur eine aktive, sondern ebenso eine passive, schützende Seite besitzt. Meist verstehen wir Empathie als die aktive Fähigkeit uns in andere Menschen (wenigstens annähernd) emotional hineinzuversetzen, ihre Perspektiven und Anliegen zu verstehen. Doch Empathie ist ebenso ein Schutzschild. Sie schützt uns vor einem rein funktional-kognitiven Denken, einer Killer-Logik. Selbst die hellsten Köpfe können den wirrsten Weltbildern folgen, solange ihnen die Fähigkeit fehlt das Leiden und den Schmerz anderer Menschen in die eigene Sichtweise mit einbeziehen zu können.

Nach unserem Kaffeekränzchen schickte Frau G. mir ein Video aus ihrer Verschwörungsszene auf WhatsApp. Es war eine wirre Collage aus Schnipseln der öffentlichen Medien von David Snowden (nicht zu verwechseln mit Edward Snowden), einem selbst-erklärten Anarchisten der Querdenkerszene, der unter anderem mit Attila Hildmann in einem Clinch liegt, quasi auf gleicher Augenhöhe bzw. mentalen Level. In dem Video mit dem Titel ‚Das CO2 Märchen‘ wird die Bedeutung der Klimaerwärmung heruntergespielt. Querdenker inszenieren sich dabei als Opfer der sogenannten Mainstream Medien und hetzen vor allem gegen grüne PolitikerInnen. Ich fand dies umso bemerkenswerter, da Frau G., nach eigener Aussage, stets großen Wert auf die fachliche Kompetenz von Argumenten legt.

Und hier hatte nun ein deklarierter Anarchist, der weder über wissenschaftliche noch jegliche fachliche oder journalistische Kompetenzen bzw. Ausbildung verfügte, ein wirres Video zusammengesponnen, dass sie unhinterfragt teilte. Faszinierend. Wie passt das zusammen?

Ich hatte meinen Studierenden das besagte Video letzte Woche zur Analyse bereitgestellt. Am interessantesten war für mich die Frage der psychologischen Effekte. Wie kann die Dauerberieselung mit solchen Medienproduktionen Menschen dazu bringen, den größten Unsinn zu glauben und all ihre Bildung, Vernunft samt einem lebenslang-erworbenen sozialen Kompass über Bord zu werfen, nur um sie gegen einen toxischen Verschwörungsnarrativ einzutauschen?

Der Psychologe Robert Cialdini hatte neulich in der Süddeutschen Zeitung (Artikel ‚Besonders anfällig für Verschwörungsmythen‘ vom 15. Oktober 21) mit sehr schönen Angaben aus der neuesten Forschung beschrieben, wie sich die ‚Weißte-Bescheid-Hybris‘ mit Intelligenz sogar noch intensiver ausleben lässt.

Das fand ich beunruhigend: Unter den sich radikalisierenden Menschen gehört eben nicht nur, stereotypisch ausgedrückt, das einfach gestrickte Dummerle, das morgens nach dem Siedewürstchen-Frühstück die geliebte Bild-Zeitung liest, sondern gut gebildete, honorige MitbürgerInnen. Stereotypen aber leiten uns in die Irre und nichts ist mehr honorig. Der Befund sollte eigentlich unser Bildungssystem alarmieren. Was war schiefgelaufen?

Aus psychologischer Sicht war die kurze Begegnung mit der Verschwörungsszene sehr einsichtsreich. Propaganda jeglicher Art benötigt entsprechende Medien zur Verbreitung, sei dies der Volksempfänger, Xinhua oder Facebook. Vor allem soziale Medien haben den großen Vorteil, dass sie ihr Publikum mit Lügen und Falschinformation dauerberieseln können. Der Speicher des Kurzzeitgedächtnisses bekommt keine Pause oder Gelegenheit den medialen ‚Superstream‘ zu hinterfragen. Keine Verklärung ohne ununterbrochenes Informationsangebot.

Meine Studierenden wiesen mich auf ein sehr schönes Medienprojekt mit dem Titel ‚Wibkes Wirre Welt‘ (https://www.wiebkes-wirre-welt.de/) hin, in dem sehr kreativ der stufenweise Effekt von Verschwörungsnarrativen in einem Rollenspiel illustriert wird. Der psychologische Effekt erinnert mich an Autoimmunkrankheiten oder trojanische Pferde, lediglich auf neuronaler Grundlage: als erstes muss der Mechanismus kritischer, evidenzbasierte Argumentation ausgeschaltet werden indem pauschal alle rationalen Wissensquellen dem Generalsverdacht geheimer Interessen unterzogen werden. Ist die Autorität der rationalen Konstruktion von Wissen einmal gebrochen und ausgeschaltet, können die simpelsten Behauptungen mit einem fundierten Wissen gleichgesetzt werden. Ein Sprachspiel wird zur Denkmethode.

Es spielt folglich keine Rolle mehr, ob etwa Klaus Hasselmann für seine bahnbrechenden wissenschaftlichen Arbeiten an Klimamodellen neulich der Nobelpreis verliehen wurde. Schließlich braucht man keine eigenen wissenschaftlichen Studien um gegenteilige Sichtweisen zu begründen. Sarkasmus, Ironie, dreiste Verdrehungen öffentlicher Information und Halbwahrheiten, garniert mit tatsächlich verifizierten Fakten genügen als sogenannter Beweis: Wissenschaft muss nicht mehr durch Wissenschaft belegt werden. Meine amerikanische Freundinnen wiesen diesbezüglich auf den quasi religiösen Charakter der Verschwörungsszene hin.

Positiv (und in aller Fairness) zu erwähnen ist, dass Frau G. keine aggressive oder hyperradikalisierte Verschwörungstheoretikerin ist. Ganz im Gegenteil, sie bleibt stets höflich und gefasst. So gab es auch nach unserem Treffen versöhnliche Momente.

Anderes Wallpaper. Ich war neulich zu einem Brunch in einer kleinen Runde in Süddeutschland eingeladen. Leider waren nicht alle Teilnehmenden geimpft. Eine Teilnehmerin hat mit ihrer Chemotherapie zu kämpfen, eine andere war Skeptikerin. Wir, die Geimpften, zeigten uns aber solidarisch mit den wenigen Ungeimpften, die Bedenken vor einer Ansteckung hatten. Wir unterzogen uns einem Schnelltest, der zumindest eine gewisse Sicherheit gab, und hatten uns dabei keinen Zacken aus der Krone gebrochen.

Ich erzählte Frau G. davon und sie fand es ebenfalls sehr schön, dass Solidarität zwischen geimpften und ungeimpften Menschen möglich war. QED und: You are most welcome.

Die derzeit steigenden Fallzahlen weisen leider in eine andere Richtung. Ich verstehe die Empathie-Müdigkeit von Krankenhauspersonal gegenüber aggressiven Querdenkern. Ich verstehe die Angst vieler ältere Menschen nach den zahlreichen Todesfällen und Impfdurchbrüchen in Altenheimen. Ich verstehe die Frustration vieler junger Menschen, die wohl nie wieder eine prä-Corona Normalität erfahren werden – es sei denn sie leben in Dänemark. Der Virus wird vermutlich in der Weltbevölkerung für immer zirkulieren während ForscherInnen auf der ganzen Welt den Wettlauf mit neuen Mutationen aufgenommen haben.

Was war meine größte Einsicht aus diesem Nachmittag? Ich dachte viel über die Entwicklung und die Rolle von Empathie nach.

Eine Einsicht war wie empathielos, narzisstisch eingefärbt und oberflächlich unsere öffentliche Debattenkultur teilweise verläuft. Wir leben in einer Besserwisserkultur, nicht in einer Gesprächskultur. Es geht lediglich darum, dem vermeintlichen Gegner eins auszuwischen und sich seiner eignen Klugheit und moralischen Überlegenheit zu vergewissern. Jeder gehört zu den Klügeren und es geht selten um das Argument. Alle sind Opfer. Und selbst wenn es um das Argument gehen würde, so ist die Sprache selbst als Waffe in Stellung gebracht. Talkshows dienen typischerweise der Stellungnahme, nicht der offenen Wahrheitsfindung. Je radikaler die innere Haltung, desto toxischer die Sprache. Ich dachte mir: Umberto Eco gehört mit in die Runde, oder Alexander Kluge. Aber die wären beide zu schade für solche Veranstaltungen.

Der Nachmittag mit Frau G. endete einvernehmlich und respektvoll. Am Ende, und das war ein kleiner Sieg für uns beide, konnten wir unsere Differenzen beiseite setzen. We agreed to disagree. Etwas Traurigkeit schwingt mit, wenn wichtige gesellschaftliche Bereich zu Minenfeldern werden und ein Gespräch aufgrund identitärer Befindlichkeiten oder Verschwörungsnarrative in Schweigen endet. Ob im offenen Streit oder in einem vornehmen Schweigen – Diskurse kommen unter dem Einfluss von Verschwörungsnarrativen zum Stillstand. Ist das 2021? Mir fallen an dieser Stelle diese schönen Zeilen von Paul Celan ein:

EIN BLATT, BAUMLOS, FÜR BERTOLT BRECHT:

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch beinah ein Verbrechen ist,

weil es soviel Gesagtes mit einschließt?


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