Die französische Philosophin Corine Pelluchon plädierte neulich im Deutschlandfunk für eine ökologische Weiterentwicklung der Aufklärung. Dabei sei es notwendig sich der Schwächen und Stärken der Aufklärung zu vergewissern. Auf der einen Seite trug die Aufklärung dazu bei, um mit Kant zu sprechen, dass der sich Mensch aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien begann und den Mut aufbrachte sich endlich seiner Vernunft zu bedienen. So verdanken wir dem Universalismus der Aufklärung beispielsweise die Entwicklung der Menschenrechte. Auf der anderen Seite versagte gerade die Aufklärung geschichtlich gegenüber Kolonialismus, Imperialismus und Totalitarismus. Ich werde am Ende auf Pellunchons Anliegen zurückkommen. Aber treten wir einige philosophische Schritte zurück.

Während Kant noch a priori Voraussetzungen des Denkens annehmen musste, bestand ein großer Verdienst Hegels darin, dass er in der Analyse des Bezugs von Subjekt und Objekt aufzeigte, dass beide ineinander verflochten waren, d. h., dass die Bestimmung des einen auf der Bestimmung des anderen beruhte. Der Clou in Hegels Erkenntnis bestand darin, dass diese Bestimmungen auf Reflexion beruhen, die eben kein subjektives Vermögen ist, sondern die Bewegung des Denkens selbst darstellt. In der Reflexion, die für Hegel in der Denkbewegung des dialektischen Dreischritts bestand, werden die Gegensätze des Subjektiven und des Objektiven aufgehoben.

Trotz seiner Hinwendung zur Geschichtlichkeit und der Konstitution der Menschheit als Subjekt der Geschichte, kritisierte Marx Hegel aufs heftigste. Hegels Philosophie sei nichts anderes als eine denkend ausgeführte Religion. Die tatsächlichen Subjekte der Geschichte sind für Marx die Menschen als tätige, gegenständliche und natürliche Wesen. Wir erkennen eine Entwicklung.

Die Begründung der Aufklärung als die Selbstemanzipation des Menschen begann vom Allgemeinen, repräsentiert durch Kant, und ergänze sich durch die Sphäre des partikularen, des materiell-geschichtlichen Seins durch Hegel und schließlich Marx. Eine gemeinsame Schwäche aller Ansätze bestand jedoch in dem Versuch, menschliche Theorie und Praxis entweder einseitig hinsichtlich ihrer Vernünftigkeit oder hinsichtlich ihrer ökonomischen Verhältnisse aufzulösen. Pelluchon verweist hier auf die Notwendigkeit über eine reine Kapitalismuskritik hinauszugehen und den Blick etwa auf Schemata von Herrschaft zu wenden.

Unsere gegenwärtige Krisenerfahrung bestätigt uns darin, dass die Natur, die es seit jeher instrumentell zu beherrschen galt, plötzlich als eine Bedingung der Möglichkeit für unsere Existenz als Vernunftwesen in Erscheinung tritt. Ich habe bewusst diese kantische Formulierung gewählt. Das ökologische Maß bestimmt plötzlich die Bedingungen, unter denen wir überhaupt existieren können, unter denen wir Gesellschaften entwickeln oder Ökonomie betreiben können. Doch nicht nur das. Da wir als mentale als auch als materiell- kulturell- geschichtliche Wesen in einem offenen Theorie-Praxisbezug existieren, ist unser Reflexionsvermögen (im Spannungsfeld von Subjektivität, Technologie und Natur) nicht nur Ausdruck einer kollektiven Selbstvergewisserung, sondern es repräsentiert unsere phänomenologische Identität. Hegels Argument ist auch ohne Dialektik transferierbar.

In anderen Worten: eben, weil wir Subjektivität, Technologie und Natur weder unabhängig voneinander denken noch betreiben können, und unsere Existenz auf der Reziprozität aller drei Lebensbausteine beruht, können wir uns nicht sinnvoll außerhalb dieses Bezuges stellen. Die formalen Gelingensbedingungen des Lebens entfalten sich zugleich als Quelle inhaltlicher Narrative. Die anthropozentrische Perspektive der Aufklärung, die Corine Pelluchon kritisiert, kann dahingehend erweitert werden insoweit die natürlichen, ökologischen Bedingungen der Möglichkeit menschlicher Kultur zugleich ihre Phänomenologie bestimmen.

Wie aber kann dann der Natur ein Eigenwert außerhalb eines Anthropozentrismus zuerkannt werden? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten wie es scheint, da wir uns als beobachtende und denkende Wesen sprachlich nicht ausnehmen können. Eine m.E. begründbare Argumentation könnte darin bestehen dass wir, eben weil unser Denken die Gegensätze zwischen Natur, Subjektivität und Technologie aufhebt, zugleich die Verantwortung für dieselben implizit übernommen haben. Der Begriff des Verantwortens wäre tatsächlich so zu verstehen, dass alle Fragen, die wir als Vernunftwesen stellen können, den ökologischen Bezug implizieren. Geistige Reflexion ist insoweit eine Antwortbewegung des Denkens auf unsere ökologisch-technologisch-subjektive Bedingung.

Dieser Gedanke erinnert, um etwas Humor ins Spiel zu bringen, ein wenig an den ‚Hitchhiker’s Guide to the Galaxy‘ (‘Per Anhalter durch die Glaxie‘), dem großartigen Buch und Hörspiel von Douglas Adams: die Antwort auf das Universum, das Leben und allem anderen (‘the answer to life, universe and everything‘) war, wie der Supercomputer ‘Big Ford’ ausrechnete, 42. Mit dieser etwas unbefriedigenden Antwort konnte niemand etwas anfangen, aber die unterliegende Frage (!) wurde schließlich nie gestellt. Am Ende wurde ein noch mächtigerer Computer gebaut um diese entscheidende Frage zu finden. Dieser ultimative Computer war unsere Erde ohne die alles, was auf ihr stattfand, kein Quäntchen Sinn machen würde.

In dem wir in diesem Sinne reflektierende Ver-Antwortung tragen, sind wir bereit die Offenheit des Dreiklangs aus Subjektivität, Natur und Technologie als Herausforderung zu akzeptieren. Sollten wir die Tier- und Pflanzenwelt rein instrumentell begreifen, würden wir jene Phänomenologie betrügen, die uns als reflektierende Vernunftwesen ermöglicht. Dies verdeutlicht unsere Stärke wie unsere Schwäche: Wir können ökologische Vernunft, wie alles freie Denken, nicht erzwingen, aber wir können und müssen sie mit guten Gründen einsichtig machen.

Picture credit: 7 Days of Garbage. Photographs by Gregg Segal


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