Hätten wir keine Sprache, würden wir weder über eine verhandelbare Erinnerung verfügen noch könnten wir eine Zukunft antizipieren und planen. Erst in der Sprache verschmelzen unsere inneren Bilder, Gefühle und Filme zu einem symbolischen, intersubjektiven Kontinuum. Dies bedeutet, dass andere Menschen unsere sprachlich verschlüsselten Botschaften über Zeit und Ort hinweg verstehen und sich zu ihnen verhalten können. Symbolisches Handeln konstituiert unseren Verständnishorizont. Erst Sprache ermöglicht uns Kultur, die Fähigkeit historische Erfahrungen und Potenziale zwischen den Generationen auszutauschen und weiterzugeben. Medial, ubiquitär und existentiell.

Heideggers Idee eines In-die-Welt-Geworfen-Seins entpuppt sich in diesem Zusammenhang als eine (aus heutiger Sicht) unwissenschaftliche und illusorische philosophische Grundannahme, denn erstens werden wir nicht in diese Welt geworfen, sondern wir wachsen in sie hinein. Zum zweiten impliziert ein ´Geworfen-Sein´ eine konstruierte Ohnmachtserfahrung. Ich könnte etwa behaupten, dass es nicht meine Entscheidung war als ein privilegierter weißer Mensch in Europa geboren zu sein. Meine Schwester und ich waren die Wunschkinder meiner Eltern. Also müssten wir, streng genommen, meinen Eltern die ‚Verantwortung‘ oder gar einen ‘Vor-Wurf’ für unser ´Geworfen-Sein´ zuschreiben, oder meinen Großeltern oder Urgroßeltern oder Ururgroßeltern … etc. etc. Bei jedem Zyklus einer neuen Generation müssten wir die Frage erneut stellen: Lieblos hineingeworfen oder liebevoll hineingewachsen in diese Welt? ‘Geworfen-Sein’ ist daher kein sinnvolles philosophisches Konstrukt.Manche mögen sich schicksalhaft als Subjekte in einer ihnen entgegengeworfenen (Lat. obicere) Welt erfahren, andere Menschen wachsen ganz natürlich mit und in ihr auf.

Auch unsere Sprache, ich halte es hier mit Wygotski, wurde uns von unserer kulturellen Gemeinschaft und unseren Eltern als Teil dieser Gemeinschaft vermittelt. Allein durch die Sprache sind wir niemals wirklich allein. Ich liebe Umberto Ecos Begriff der ‘inneren Population’ unseres Bewusstseins. In der Tat: Sprache braucht eine offene Gemeinschaft um sich weiterzuentwickeln.

Sprache ist ein lebendiges Tier. Sie entwickelt sich stetig weiter und mit ihr unser Bewusstsein. Sprache ist plastisch und entwicklungsoffen. Ihr steht es ebenfalls offen sich selbst zu belügen, sich selbst im Wege zu stehen oder sich sogar selbst zu korrumpieren und zu zerstören. Doch unabhängig von der unfassbaren Schönheit oder dem gleichfalls unfassbaren Grauen, wozu menschliche symbolische Bewusstseins-Konstrukte in der Lage sind, lässt sich eine Grundeigenschaft der Sprache nie verleugnen: Sie verbindet für uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und ist daher stets, in Einsteins an den Spitzen berührenden Lichtkegeln, auf die Zukunft hin ausgerichtet. Die Unumkehrbarkeit des Zeitstrahls: Selbst das in Gefangenschaft gehaltene Wort klammert sich an ein Stück Zukunft.

In einem positiven Sinne entwickeln wir Zukunft immer dann, sobald wir uns symbolisch, ob in Bildern, Worten oder Narrativen, in die Zukunft projizieren. Die Motive sind vielfältig. Wir möchten etwa unglücklichen oder schmerzhaften Erfahrungen und Schicksalen entkommen, bereits gewonnene Freiheiten erweitern, neue Optionen mit anderen Menschen teilen, Probleme der Gegenwart lösen oder wir sind, wie frohe Kinder, neugierig neue Möglichkeitsräume spielerisch zu erkunden. Zudem gab es die großen Versprechen.

Klassische Utopien lebten gewöhnlich von der Vorstellung eines Fortschritts. Die Zukunft sollte stets besser sein als die Gegenwart. Klassenlos, Wohlstand und Freiheit für alle spendend, von Vernunft und Empathie geleitet, heller und annehmbarer als es die Vergangenheit je zu sein vermochte. Kinder sollen es besser haben als ihre Eltern. Diese Wünsche sind im kollektiven Unterbewusstsein als Archetypen in uns verankert. Doch eine Utopie ist ein seltsames Phänomen: je näher sie zu uns kommt, desto stärker wirkt ihre Morphologie.

Wir werfen unsere Netze aus um die Fische der Zukunft zu fangen. Doch sind die Träume einmal im Netz, und ziehen wir die Netze näher an unserer Boot, sind wir uns nicht mehr sicher unseres Fangs. Erst wenn wir die Zukunft direkt vor unseren Augen haben, wenn Zukunft in der Granularität der Gegenwart zerfällt wie ein Lichtstrahl, der sich lautlos in Kristallen bricht, erschließt sich uns ihre wandelbare Struktur wie in einem Kaleidoskop, dass sich bei jeder Perspektivenänderung neu zusammenfügt. Wir leben in der Zeit und Zeit lebt in uns. Weder die Illusion des ´Geworfen-Seins´ noch der Wagemut sich in eine Terra Incognita gewagt zu haben erscheint plötzlich als der wahre Kern unseres Zukunftsbezugs.

Es ist die Überraschung des neuen, des unerwarteten und zugleich wundervollen Advents einer noch unverstandenen, zu uns gekommenen Gegenwart, die uns in Erstaunen versetzt. Wie sehr wir diese Zukunft doch wissen möchten! Mit der Gier nach Kontrolle, der kommerziellen Erfassbarkeit und der Reproduzierbarkeit von Gegenwart verliert Zukunft ihre Magie und Resonanz. Unser Zugang zu ihr ist gebrochen.

Wir projizieren zudem nicht nur politische Hoffnungen in die Zukunft, sondern komplexe persönliche Entwürfe, darunter auch sehr positive. Darunter fällt beispielsweise der Entwurf unseres besseren Selbst, oder die Idee eines gelungenen, guten Lebens (wie immer wir dieses zu definieren vermögen) mit der anhängenden Frage Harald Welzers: Wer will ich gewesen sein? Es ist nobel zu fragen um in Kongruenz mit sich zu fallen, sich selbst treu zu bleiben sozusagen.

Doch so weitsichtig diese Frage auch erscheint, ich kann mir ein noch weiteres, einladenderes Feld vorstellen. Am Ende des Tages frage ich nicht nur: Wer kann ich gewesen sein oder wie weit kann ich gekommen sein; denn ich kann befreiend hinzufügen … sobald ich mich in die liebende Aufgehobenheit anderer Menschen fallen lassen konnte? Aller Zweifel und Verzweifeltheit, aller Verworrenheit des Lebens zum Trotz. Und im Umkehrschluss erscheint auch das Motiv all der Liebe, die wir hätten geben können, wenn wir die Zukunft nur gewusst hätten. All the love we could have given.

Der schönste Zukunftmut, der nicht rein aus der ‘Einsicht in die Notwendigkeit’ (Hegel) geboren wurde, besteht schlussfolgernd in dem Vertrauen der überzeitlichen und liebenden Verbundenheit aller Menschen. Möglichkeitsräume bestehen auf der Zeitachse bidirektional: Erst indem wir die Vergangenheit mit der Zukunft ubiquitär in Beziehung setzen, können wir Freiheitsräume erkennen und unseren Handlungen Bedeutung beimessen. Ich nenne dies den phänomenologischen Zukunftssinn, den glückliche und freie Menschen teilen.

Picture Credit: Mario Purisic, Unsplash


2 thoughts on “Symbolische Tiere, die in der Zeit leben und nach der Zukunft fischen
  1. We all must be defenders of the word – We are witnessing a modern day version of burning books – Be a soldier in defending the 4th revolution of communication – 1)The spoken word 2)The written word 3) The printed word 4)The digital word – As we find and enjoy more information, we must be healthy skeptics and rise above the din

    • Hello Bobby, I couldn’t agree more. With the possibility of a war (Ukraine) right at our doorsteps, it becomes clear that we must be defenders of a free world. Less than 45% of mankind lived in democracies in 2021. Hongkong was a tragedy – depriving people permanently of a personal and political future. I feel sorry for my former Myanmar students who, highly educated and with hearts of gold, find themself trapped by idiotic military regimes. My best wishes!

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