Mein Vater ist Anfang der Woche im Krankenhaus verstorben. Er war sehr krank und ist friedlich eingeschlafen, so wie er es sich gewünscht hatte. Er hatte schon lange mit dem Leben abgeschlossen, in großer Zufriedenheit. Wir hatten darüber Tage zuvor frei gesprochen, und so kam sein Tod nicht völlig überraschend.

Gestern wäre er 89 Jahre alt geworden. Wir haben für ihn Kerzen angezündet: meine Schwester in Nepal, wo sie sich derzeit aufhält, und ich in unserer schwäbischen Heimat. Stolz und Zufriedenheit über das, was er im Leben erreicht hatte, spielten für ihn eine große Rolle: als Ingenieur, Geschäftsführer und Innovator, der sich beruflich mehrmals neu erfand, unter anderem als Privatpilot.

Mein Vater begann seine Karriere, wie viele damals, im Ruhrpott unter Tage. Er besuchte die Bergschule und wurde Steiger, so nannte man früher Führungskräfte mit viel Verantwortung. Später, gewissermaßen über Tage, wechselte er in die Betonbranche, wo er die Automatisierung von Betonfertigteilen vorantrieb. Noch einmal wechselte er dann in die Pflastersteinproduktion. Dort entwickelte er das „Öko-Pflaster“ gegen die Versiegelung von Flächen und brachte es auf den Markt. Darauf war er besonders stolz.

Seine größten persönlichen Qualitäten waren Verlässlichkeit, Diplomatie, Pragmatismus, ungebrochener Optimismus, Impulskontrolle und die Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen. Gegnern erwiderte er nie boshaft, sondern oft mit Sprachwitz, schalkhaftem Humor und, wenn wirklich nötig, mit einem nüchternen Argument.

Sein größtes Kindheitsglück war es, auf einem Wasserschloss in Westerkappeln aufzuwachsen. Er wuchs in einer großbürgerlichen Familie mit seinen zwei Brüdern auf. Während mein Großvater, ein Nazi bei der SS, fern von Deutschland am Russlandfeldzug teilnahm, hörte mein Vater die alliierten Sender und verliebte sich in den Jazz: Statt preußischer Märsche bevorzugte er Benny Goodman und Glenn Miller. Als Louis Armstrong erstmals in Essen auftrat, frotzelte mein Großvater: „Was, du hörst solche N**er-Musik?“

Mein Vater erzählte mir, wie er mit der Ideologie und der Lebenslüge seines Vaters brach.

Das war ein Glücksfall in unserer Familie.

Wie viele Männer seiner Generation tat er sich schwer, über seine Gefühle zu sprechen.

Sein Lieblingssatz war, frei nach Bertolt Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Er gehörte zur letzten Generation deutscher Manager und Ingenieure, die sich während des Wirtschaftswunders durchs Leben geboxt haben. Heute arbeiten wir in Teams, und die Welt hat sich verändert. Wir kämpfen für eine bessere Zukunft gemeinsam.

Mein Vater erlebte auf seinen Reisen eine gänzlich andere Welt: „Odessa war eine so wunderschöne Stadt!“

Wie Worte in unserer veränderten Welt plötzlich so sehr schmerzen können. Mit meinem Vater hat sich für mich auch eine Generation verabschiedet. Eine, die noch mit Rechenschieber und einem Blatt Papier die Pumpleistung von Elektromotoren berechnen konnte oder die Erdneigung aus dem Schattenwurf eines Stockes im Garten. Ohne Internet und KI. Da er der vordigitalen Generation angehörte, gibt es zu ihm auch keinerlei Interneteinträge: Dipl.-Ing. Hans Kompa – außer dem knappen Hinweis “Im Handelsregister gibt es 1 Person zu Hans Kompa. Die letzte Meldung ist vom 07.12.1994.”

Für uns ist der Tod unseres Vaters ein so großer Verlust. Nun sind unsere Eltern beide nicht mehr da.

Fragen nach Vergänglichkeit (who is next in line?) und Lebenswegen kommen unweigerlich auf. Auch die, wie ich, nachdem ich 30 Jahre in Asien verbracht habe, zu vielen Bekannten und Verwandten den Bezug verloren habe. Nicht völlig, natürlich, aber ich habe ein paralleles, gänzlich anderes Leben geführt, volkommen andere Welten kennengelernt.

Mein Vater hatte mich damals in Singapur besucht, wo ich nach meinem Studienabbruch in Deutschland mit meinem australischen Geschäftspartner Barry ein digitales Medienstudio aufbaute. Erst in No. 66 Boat Quay und dann Umzug in eine restaurierte Kolonialvilla zu No. 6 Mount Faber Road. Noch eine Qualität meines Vaters: Weltoffenheit.

Den ‘entrepreneurial fighting spirit’ und Berufsoptimismus teilen wir.

So vieles wäre noch zu sagen. Der Tod ist ein hartes Geschick.

Es ist keine einfache Zeit, und deshalb nehmen wir uns jetzt die Zeit, um um unseren Vater zu trauern.

Diese Zeilen von Paul Celan passen heute irgendwie:

„Aus der Hand frißt der Herbst mir sein
Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und
lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.
“

Ich denke: Alles ist gut und wahr, wenn wir in Liebe sprechen. Es liegt noch viel vor uns.


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